„Die Rus’ ist fast eine andere Welt“ schrieb der Krakauer Bischof Maciej um 1150. Worauf beruhte diese Abgrenzung? Wie wirkmächtig war sie? Auf der Suche nach Antworten diskutiert der Beitrag auch die Dimensionen und Ambivalenzen von Grenzziehungen.
Halyč-Volyn’ im Kontext des östlichen Europas
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Im westlichen Teil der 
Kiewer Rus’
rus. Киевская Русь, ukr. Київська Русь, eng. Kievan Rus', deu. Altrussland (veraltet), deu. Kyjiver Rus, eng. Kyivan Rus, bel. Кіеўская Русь, deu. Kiewer Reich

Die Kiewer Rus' entstand, als im 9. Jahrhundert skandinavische Fernhandelskaufleute und Krieger, die Waräger, Stützpunkte entlang der Flusssysteme Osteuropas anlegten und sich in Folge mit den Eliten der ansässigen ostslavischen Bevölkerung vermischten. Sie war ein Zusammenschluss von (Teil-)Fürstentümern mit Kiew an der Spitze. Die Kiewer Rus umfasste im 11. und 12. Jahrhundert ein Gebiet zwischen Galizien und Wolhynien (Halyč und Volyn’) im Südwesten, Polock im Westen, Novgorod im Nordwesten, Vladimir-Suzdal' im Nordosten und Kiew im Süden.

 stellten die beiden Gebiete 
Fürstentum Galizien-Wolhynien
deu. Fürstentum Halitsch-Wolhynien, eng. Principality of Galicia–Volhynia, eng. Kingdom of Galicia–Volhynia, deu. Russisches Königreich, deu. Ruthenisches Königreich, eng. Kingdom of Ruthenia, lat. Regnum Galiciæ et Lodomeriæ, eng. Principality of Halych-Volhynia

Das Fürstentum Galizien-Wolhynien formierte sich um 1200 als eigenständiger Teil der Kiewer Rus’. Es bestand auch über die mongolische Expansion hinweg als eigenständiger politischer Herrschaftsbereich bis ins 14. Jahrhundert fort.

 wichtige Herrschaftszentren dar, in denen verschiedene Vertreter der Rjurikendynastie um die Vorherrschaft rangen. Am Ende des 12. Jahrhunderts wurden sie unter Fürst Roman vereinigt. Nachdem die mongolische Expansion die politische Landkarte des östlichen Europa Mitte des 13. Jahrhunderts komplett neugeordnet hatte, bewahrte sich dieses Fürstentum eine gewisse Unabhängigkeit – nicht nur gegenüber dem 
Goldene Horde
eng. Golden Horde, rus. Золотая Орда, . Altan Ord, . Алтан Орд, eng. Ulus of Jochi, eng. Kipchak Khanate, deu. Kyptschak-Khanat, rus. Solotaja Orda

Die Goldene Horde war ein mongolisches Reich, das 1236 unter Khan Dschötschi entstand. Die Khane der Goldenen Horde handelten relativ autonom gegenüber dem mongolischem Großreich, dessen Bestandteil die Goldene Horde bis 1368 formal war. Die Goldene Horde herrschte in Osteuropa über die Fürsten der Rus, welche der Goldenen Horde tribut- aber auch rechenschaftspflichtig waren. Das Herrschaftsgebiet der Goldenen Horde erstreckte sich vom heutigen Pakistan und den Ausläufern des Himalalya bis ins heutige Ungarn und Bulgarien.

, sondern auch gegenüber den umliegenden Mächten, namentlich dem 
Großfürstentum Litauen
rus. Velikoe knjažestvo Litovskoe, rus. Великое княжество Литовское, pol. Wielkie Księstwo Litewskie, bel. Vialikaie Kniastva Litoŭskaie, bel. Вялікае Княства Літоўскае, lit. Lietuvos Didžioji Kunigaikštystė, eng. Grand Duchy of Lithuania, lat. Magnus Ducatus Lituania, deu. Grpßfürstentum Litauen, Ruthenien und Schemaitien

Das Gebiet des Großfürstentums Litauen wurde schon im 11. Jahrhundert von baltischen Litauern besiedelt. Diese unterschiedlichen "Stämme" formierten im 13. Jahrhundert das Großfürstentum. Die Expansion des Großfürstentums orientierte sich Größtenteils nach osten, da der Deutsche Orden ab dem 13. Jahrhundert den Zugang zur Ostsee versperrte. 1320 eroberte Großfürst Gediminas Kiew, Ab 1386 befand sich das Großfürstentum unter dem gleichen Herrscher wie das polnische Königreich (Personalunion), auch um sich gegen den erstarkenden Deutschen Orden in der Region behaupten zu können. 1569 wurde Polen und das Großfürstentum Litauen auch eine staatliche Einheit.

, dem 
Königreich Ungarn
eng. Kingdom of Hungary, hun. Magyar Királyság

Das Königreich Ungarn (Magyar Királyság) bestand in wechselnden Grenzen seit dem Jahr 1000 und fiel bereits in der Frühen Neuzeit an die Habsburgermonarchie, in der es später das wichtigste der sog. Länder der ungarischen Krone wurde (auch Länder der Heiligen Ungarischen Stephanskrone bzw., nach 1867, auch als ungarische Reichshälfte bezeichnet). Im Gegensatz zu anderen Territorien der Habsburger - wie den Ländern der böhmischen Krone oder dem Erzherzogtum Österreich selbst - gehörte das Königreich Ungarn nie zum Heiligen Römischen Reich.

 und den polnischen Fürstentümern, die erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts unter Władysław I. wieder zu einem Königreich vereint wurden. Von großer Bedeutung dafür war eine geschickte Heiratspolitik, welche die rus’ische rus’ische Mit dem Adjektiv „rus’isch“ werden beispielsweise Personen und Orte beschrieben, die zur ehemaligen Kyjiver Rus’ gehörten. Deren Erbe ist vor allem zwischen der heutigen Russländischen Föderation und der Ukraine umstritten. Älteren Traditionen der hegemonialen russischen Vereinnahmung gilt es daher zu widersprechen, weshalb Begriffe wie „russisch“ oder auch „altrussisch“ für diese Zeit keine Anwendung mehr finden sollten. Für die Neuere Geschichte bis in die Gegenwart gilt dies übrigens auch: Hier meint der eher staatsbürgerlich als ethnisch verstandene Begriff „Russländisch“ eine Zugehörigkeit zum Russländischen Imperium bzw. zur heutigen Russländischen Föderation, mit dem deutlich wird, dass nicht alle Menschen innerhalb dieser Entitäten ethnische Russinnen und Russen sind. Im Russischen entspricht dies der Unterscheidung zwischen ruskij (rus’isch), russkij (russisch) und rossijkij (russländisch). Fürstenfamilie mit allen umliegenden Dynastien verband. Dies hatte dann allerdings zur Folge, dass diese Reiche auch Anspruch auf die Herrschaft über das Fürstentum erhoben, als die dortige Dynastie zu Beginn des 14. Jahrhunderts ausstarb.1
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In den 1340er Jahren kam es schließlich zu militärischen Auseinandersetzungen. In mehreren Feldzügen gelang es dem polnischen König Kazimierz III. gemeinsam mit ungarischer Unterstützung, die südwestlichen Teile des Fürstentums um die Zentren
Sanok
lat. Sanochia, pol. Królewskie Wolne Miasto Sanok, deu. Saanig, lat. Sanocum, yid. Sonik, ukr. Сянік

Sanok galt im Mittelalter als "Tor zu Ungarn", das von Burgen unterschiedlicher Bauzeit bewacht wurde. Sanok gehörte bis zum 12. Jahrhundert zur Kiewer Rus und wurde dann von den Ungarn erobert. Ab dem 14. Jahrhundert besaß die Stadt Magdeburger Stadtrecht und gehörte ab Mitte dieses Jahrhunderts zum Königreich Polen.

Przemyśl
rus. Peremyšlʹ, rus. Перемышль, ukr. Peremyšl′, ukr. Перемишль, deu. Deutsch-Przemysl, deu. Premissel

Przemyśl liegt strategisch günstig zwischen den Westkarpaten im Süden und den Roztocze im Norden. Gleichzeitig lag die Stadt im Mittelalter an der Via Regia. Vermutlich existierte eine Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Przemyśl schon in der Antike. Ab 1379 besaß Przemyśl das Magdeburger Stadtrecht unter polnischer Krone. nach der ersten Teilung Polens (1772) fiel die Stadt in den herrschaftsbereich der Habsburgermonarchie und war von dort an Sitz der Bezirkshauptmannschaft des Bezirks Przemyśl.

Lwiw
deu. Lemberg, pol. Lwów, eng. Lviv, rus. Lwow, rus. Львов, yid. Lemberg, yid. לעמבערג, ukr. Львів, ukr. L'viv

Lwiw (deutsch Lemberg, ukrainisch Львів, polnisch Lwów) ist eine Stadt in der Westukraine in der gleichnamigen Oblast. Mit knapp 730.000 Einwohner:innen (2015) ist Lwiw eine der größten Städte der Ukraine. Die Stadt gehörte lange zu Polen und Österreich-Ungarn.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

 und 
Halyč
eng. Halych, pol. Halicz, yid. Heylitsch, deu. Halitsch, rus. Galič, rus. Галич, ukr. Галич

Halitsch existiert als Siedlungsort am Ufer des Dnisters vermutlich schon seit dem 10. Jahrhundert. Im 12. Jahrhundert wird die dortige Burg das erste mal erwähnt. Halitsch war Zentrum des Fürstentums Halitsch-Wolhynien. 1240 wurde die Stadt von der Goldenen Horde niedergebrannt. Ab 1367 besaß Halitsch das Magdeburger Stadtrecht unter polnischer Krone. Die Verwaltungseinheit Halitscher Land war von 1569 bis 1772 Teil der Woiwodschaft Ruthenien. Bekannheit erlangte die Stadt Halitschdurch ihre Funktion als Namensgeberin für eine ganze osteuropäische Region, da Galizien in der ukrainischen Sprache "Halytschyna" heißt. Die Stadt besitzt eine noch heute sichtbare Burgruine, die auf einem steilen Felsen das Stadtzentrum überragt.

 zu erobern, während die nördlichen und östlichen Teile dem Großfürstentum Litauen zugeschlagen wurden. Halyčer Rus’ (benannt nach dem ehemaligen Fürstensitz), Rotreußen oder Kronruthenien sind einige der verschiedenen Namen für diese Region. Ich bevorzuge letzteren, der eben genau jene Gebiete der Rus’ umschreibt, die Teil der Krone Polens wurden.2
Polnische Eroberung und administrative Durchdringung
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Während seiner Eroberungszüge bedienten sich Kazimierz III. und seine Berater geschickt der Rhetorik der Kreuzzüge, um von der päpstlichen Kurie finanzielle Unterstützung zu erhalten. Betont wurde der heldenhafte Kampf gegen Heiden und Schismatiker, durch dessen Erfolg der lateinchristlichen Mission gewaltige neue Gebiete offenstehen würden. Diese Rhetorik kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kazimierz von Anfang an auf die Mitwirkung rus’ischer Adliger angewiesen war, um die Kontrolle über das Land zu erhalten. Als erster königlicher Stellvertreter wurde so beispielsweise der einflussreiche Bojar Bojar Als Bojaren können herausgehobene Personen bezeichnet werden, die in den ostslavischen Fürstentümern der Rus’ sowie im Großfürstentum Litauen über enge Bindungen zu den Herrscherfamilien oder auch Landbesitz verfügten. Der westeuropäische Begriff des „Adligen“ ist daher nur bedingt als Äquivalent zu verstehen. Eine wissenschaftliche Zusammenfassung über den Begriff findet sich bei H. Rüß, 'Bojaren, I. Altrußland', in: Lexikon des Mittelalters, 10 Bde. Stuttgart: Metzler, 1977–1999, hier Bd. 2, Sp. 354. Dmytr Det’ko eingesetzt. Der Schlüssel zum Erfolg war letztlich, dass sich mehrere führende rus’ische Familien auf die Seite des polnischen Königs schlugen und dafür großzügig mit Landbesitz entlohnt wurden.
Die letzten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts boten turbulente Herrschaftskonstellationen im Königreich Polen. Nach dem Tod von Kazimierz III. aus der Dynastie der Piasten im Jahr 1370 ging die Krone an den ungarischen König Ludwig von Anjou. Dessen Tochter Jadwiga folgte ihm in Polen 1384 nach. Im Jahr darauf kam es zum Eheschluss mit dem Großfürsten von Litauen, Jogaila, die letztlich in einer Personalunion beider Reiche mündete. Als König Władysław II. Jagiełło begründete er die Dynastie der Jagiellonen, die die politische Landkarte des östlichen Europas über Jahrhunderte nachhaltig prägen sollte. Die südwestlichen Gebiete der Rus’ wurden nach der kurzen ungarischen Herrschaft dann ab 1387 durch Jadwiga und Jagiełło für die polnische Krone zurückerobert. Doch erst zwischen 1430 und 1434 wurden sie zu einer regulären Wojewodschaft, als die sie bis zu den Teilungen Polen-Litauens gegen Ende des 18. Jahrhunderts verblieben.3
Die durch zahlreiche Tatareneinfälle teils entvölkerten Landstriche boten Neuankömmlingen aus Ost und West hervorragende Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg. Überwiegend aus Kleinpolen, aber auch aus Schlesien und Böhmen genauso wie aus Podolien oder Litauen siedelten sich Familien hier an. Aber auch die jeweiligen Herrscherinnen und Herrscher nutzten die Region, um hier Gefolgsleute zu entlohnen und somit an sich zu binden. Dabei kamen unter anderem auch in anderen Gebieten Europas verbreitete Formen der Landvergabe über Lehen und Verpfändungen zum Einsatz. Die Region eröffnete also Entfaltungs- und Einflussmöglichkeit für beide Seiten, was allerdings nicht ohne Konflikte blieb. So strebten die hier ansässigen Adligen nach rechtlicher Gleichstellung mit ihren Nachbarn in anderen Gebieten der Krone. Diese war aber nur möglich durch eine Anpassung an die Bedingungen in Polen; etwa den Übertritt zum lateinchristlichen Glauben oder die Übernahme der lateinischen Schriftsprache. Assimilationsdruck war somit kein durch die „Obrigkeit“ verordnetes Programm, sondern eine komplexe, sich erst schrittweise entfaltende Wechselwirkung aus sozialen und politischen Faktoren. Dennoch hielten sich verschiedene regionale Besonderheiten, wie etwa die Präsenz des Ruthenischen als Rechtssprache, bis weit ins 16. Jahrhundert. Ebenso blieben mündliche Zeugenaussagen vor Gericht – wie sie zur Zeit des Fürstentums üblich waren – auch im Kontext einer ausgreifenden Verwaltungsschriftlichkeit von hoher Bedeutung.
Rechtliche und religiöse Vielfalt
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Bereits vor der polnischen Eroberung hatte es in einzelnen Städten der westlichen Rus’ jüdische und armenische Gemeinden gegeben. Von herausragender Bedeutung war dabei die Stadt L’viv, in der sich beide Gruppen durch ihre einflussreiche Rolle im Orienthandel besonders gut gegen den lateinischen Stadtrat behaupten konnten. Dessen dominante Stelle beruhte auf der Lokation der Stadt mit dem sächsisch-magdeburgischen Recht, das in verschiedenen regionalen Adaptionen im 14. und 15. Jahrhundert in weiten Teilen des östlichen Europas zur Urbanisierung angewendet wurde. Selbst Kyjiv Kyjiv  Hier war im Deutschen lange Zeit die aus dem Russischen entlehnte Schreibweise „Kiew“ üblich. Spätestens seit Februar 2022 setzt sich aber die auf dem Ukrainischen basierende Schreibweise zunehmend auch im Deutschen durch. erhielt Ende des 15. Jahrhunderts – damals als Teil des Großfürstentums Litauen – dieses Stadtrecht
Bei der Unterteilung in Armenier, Juden und Lateiner sollte man jedoch nicht von starren ethnischen Kategorien ausgehen, denen die jeweiligen Personen von Geburt an angehörten. Vielmehr boten solche rechtlich-religiösen Kategorien den jeweiligen Personen teils erstaunliche Spielräume. Ein armenischer Kaufmann konnte durchaus unter das Dach des sächsisch-magdeburgischen Rechts schlüpfen, wenn er dies für seine Geschäfte als vorteilhaft erachtete. Gleiches galt auch für ruthenische Bauern, die sich von einem anderen Grundherrn womöglich bessere Arbeitsbedingungen versprachen. Die Konflikte häuften sich erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als die osmanische Expansion am Schwarzen Meer die einst lukrativen Geschäfte erschwerte und sich Verteilungskämpfe mehrten. Wie schon im Kontext der Eroberung war religiöse Differenz dann vor allem eine rhetorische Waffe, deren Einsatz aussichtsreich war.
Ausprägung einer doppelten Kirchenlandschaft
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Die Eroberung durch Kazimierz III. schuf bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts eine Situation, wie sie der Augsburger Religionsfrieden für das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen erst 200 Jahre später intensiv diskutierte: Wie können unter einer Herrschaft mehrere christliche Konfessionen parallel nebeneinander existieren? In den ersten Jahrzehnten scheitere dieses Miteinander weniger an der Unversöhnlichkeit der Konfessionen als an organisatorischen Schwierigkeiten. Die frühesten Initiativen des polnischen Königs zur Gründung lateinchristlicher Bistümer verpufften. Von einer Kazimierz III. im 19. Jahrhundert oftmals unterstellten Missionspolitik kann also nicht die Rede sein.
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Auch dem Versuch zur Gründung einer eigenen orthodoxen Metropolie orthodoxen Metropolie Eine Orthodoxe Metropolie ist ein Zusammenschluss orthodoxer Bistümer unter einem Oberbischof (Metropolit). Diese kirchliche Ordnung ist eng mit der politischen Ordnung des Landes oder der Region verknüpft. Mit dem bedeutungsgewinn der orthodoxen Patriarchate verloren die Metropolien an religiösem und politischem Einfluss. stimmte der Patriarch in Konstantinopel erst zu, nachdem Kazimierz III. bereits verstorben war. Von päpstlicher Seite wurde dann zwar im Jahr 1375 erstmals ein Erzbistum mit Sitz in der alten Fürstenstadt Halyč gegründet; bis dieses allerdings wirklich funktionierte, vergingen Jahrzehnte. Gleiches galt für die Ausbreitung von Pfarrkirchen, deren Gründung erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an Fahrt aufnahm. Die kirchliche Infrastruktur wurde dabei immer wieder zum Spielball von gesamtpolitischen Entwicklungen: So ließ Władysław II. im Jahr 1412 die orthodoxen Gläubigen aus ihrer Kathedrale im Przemyśl ausweisen; allerdings nicht, um diese zu missionieren, sondern um den anwesenden Gesandten des Deutschen Ordens und des Königreichs Ungarn zu beweisen, was für ein hervorragender lateinchristlicher Herrscher er war. Andersherum wurde die orthodox-christliche Metropolie zwischen den Ansprüchen der Großfürstentümer von Moskau und Litauen, aber auch Konstantinopels, Ungarns und der Moldau zerrieben und blieb bereits ab 1391 verwaist. Die Frage, wie mit den orthodox-christlichen Einwohnern innerhalb Polen-Litauens umzugehen sei, blieb über Jahrhunderte virulent. Nachdem sich die Moskauer Kirche gegen Ende des 16. Jahrhunderts endgültig von Konstantinopel gelöst hatte, schuf die Kirchenunion von Brest 1596 eine ganz eigene Konstellation. Die orthodoxen Gläubigen innerhalb Polen-Litauens erkannten den Papst als ihr Oberhaupt an und durften im Umkehrschluss ihrem Ritus treu bleiben.4 Die in der Westukraine vorherrschende griechisch-katholische Kirche zeugt bis heute von dieser Verbindung.5
Kronruthenien als Forschungsgegenstand (19. bis 21. Jh.)
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Als der großrussische, imperial motivierte Nationalismus im 19. Jahrhundert begann, das Erbe der Kyjiver Rus’ exklusiv für Moskau zu reklamieren, gewann das Fürstentum von Halyč-Volyn’ eine wichtige Rolle als Gegennarrativ, da die Tradition der Kyjiver Großfürsten in diesem westlichen Teilreich fortgeführt worden sei. Sowohl dem Einfall der Mongolen als auch dem Vormarsch Moskaus hätte man sich hier widersetzt. Erst die zunehmende Unterdrückung innerhalb Polen-Litauens hätte die rus’ische (hier bereits verstanden als ukrainische) Staatlichkeit zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht, bevor sie unter den Hetmanen der Kosaken im 16. und 17. Jahrhundert eine neue Kontur gewann. So formulierte es beispielsweise Mychailo Hruševs’kyj, der einflussreichste ukrainische Historiker und spätere Präsident der kurzlebigen ukrainischen Volksrepublik, dessen mehrbändige Geschichte der Ukraine-Rus’ um 1900 zum Standardwerk wurde.6
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Dem gegenüber betonte die polnische Geschichtswissenschaft die Rückständigkeit der Region vor der polnischen Eroberung. In einem der deutschen Ostsiedlung ähnlichem Narrativ wurde dem Königreich Polen und insbesondere Kazimierz III. die Rolle des Zivilisationsbringers zugeschrieben. Unter der Herrschaft der Jagiellonen hätten die Völker dann über Jahrhunderte friedlich koexistiert, bevor die imperialen Expansionen des Russländischen Reiches, aber auch der Habsburger und Preußen dieser Eintracht ein Ende bereitet hätten. Die Konkurrenz verschiedener historischer Narrative verschärfte sich bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als die Region Teil des habsburgischen Kronlandes „Galizien und Lodomerien“ war. Dieses Konfliktpotential entlud sich während und nach dem Ersten Weltkrieg und führte dazu, dass die Geschichte der Region zur Zeit der Sowjetunion beinahe zu einem Tabu-Thema wurde. Erst nach 1991 widmete sich die Geschichtswissenschaft in Polen, Russland, der Ukraine, aber auch Belarus, Litauen und Ungarn wieder stärker der Region. Seit dieser Zeit gab es erfolgreiche Schritte hin zu einer transnationalen, dialogischen Erforschung des wechselvollen Erbes der Region. Es bleibt zu hoffen, dass die dadurch entstandenen Netzwerke und Kooperationen belastbar genug sind, um den russischen Angriffskrieg und seine noch kaum absehbaren Folgen zu überstehen. 
Zusammenfassung
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Die Transformation des ehemaligen rus’ischen Fürstentums von Halyč-Volyn’ zu einer polnischen Wojewodschaft war kein linear verlaufender Prozess der „Verwestlichung“ oder „Zivilisierung“. Vielmehr reagierten sowohl die jeweiligen Herrscherinnen und Herrscher als auch die Personen vor Ort situativ auf neue Herausforderungen. Diese steten Aushandlungsprozesse waren dabei keineswegs durchweg friedlich. Spätestens ab der Mitte des 15. Jahrhunderts kann durchaus ein stärker werdenden Assimilierungsdruck auf die nicht-lateinische Bevölkerung beobachtet werden. Dieser folgte aber keinem einheitlichen Programm. Es boten sich immer wieder Konstellationen und Grauzonen, in denen sich Handlungsspielräume ergaben und sich regionale Spezifika erhalten konnten. Innerhalb dieser Gemengelage lassen sich klare Grenzen eigentlich nur in der Kreuzzugsrhetorik finden, in der die Lage der Region am Rande der (lateinischen) Christenheit stilisiert wurde. Bei allen anderen diskutierten möglichen Grenz-Dimensionen – seien es religiöse, sprachliche, rechtliche oder politische – dominieren Überlappungen und Ambivalenzen. Das historische Erbe der Region zeugt daher von diesen komplexen Verflechtungen, deren Spuren bis heute sichtbar sind. Genau diese Vielfalt macht aber eine Beschäftigung mit diesem Raum so lohnenswert und faszinierend.