Eine Wildnis ohne Grenzen – oder ein politisch wie kulturell geteiltes Gebirge? Die benachbarten Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava an der deutsch-tschechischen Grenze blicken auf eine komplizierte Geschichte zurück, in der die Staatsgrenze die Hauptrolle spielt.
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Wer auf den Siebensteinkopf steigt, einen 1.263 Meter hohen Berg im Bayerischen Wald, glaubt sofort, dass die Natur hier keine Grenzen kennt. Der Weg von der Reschbachklause hinauf windet sich durch einen jungen Wald. Nahe des Gipfels steht ein hüfthoher, weiß bestrichener Steinblock mitten im Weg, ein D-B auf der einen Seite, ein C auf der anderen: ein Grenzstein. Hier ist man in Deutschland, drüben in Tschechien. Der genaue Verlauf der Grenze ist im Terrain allerdings schwierig zu ermitteln: Ein schmaler freigeschnittener Pfad verschwindet nach ein paar Metern zwischen den Bäumen; ringsum ein Dickicht von heranwachsenden Fichten, Farnen und Heidelbeersträuchern, die bayerischen von den böhmischen nicht zu unterscheiden. Eine menschengemachte Grenze in einer grenzenlosen Natur.
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Schaut man sich die Publikationen und Werbematerialien der Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava an, die das Waldgebiet an der deutsch-tschechischen Grenze verwalten, sieht man sich in diesem Eindruck bestätigt. „Grenzenlos wild“ sei der Wald, ein Naturraum, der zusammengehöre. Das Narrativ ist allgegenwärtig: Grenzenlos wild, Divočina bez hranic, heißt ein Faltblatt der beiden Nationalparks, eine gemeinsame Ausstellung und sogar ein von den beiden Parkverwaltungen regelmäßig herausgegebener Wandkalender. Es ist Zustandsbeschreibung und Zielsetzung zugleich: Die grenzenlose Natur, die man als Tourist im Gelände wahrzunehmen meint, soll auf allen Ebenen der Verwaltung und Pflege der Landschaft Wirklichkeit werden. Die beiden angrenzenden Nationalparks kooperieren seit einigen Jahren immer enger miteinander. Das Ziel ist die Schaffung eines Raums, in dem sich die Natur frei entwickeln kann – über die politische Grenze hinweg. Inmitten der Bestrebungen, ein einheitliches Naturschutzgebiet zu errichten, erscheint die Staatsgrenze nur noch als leidiges Hindernis, das es zu überwinden gilt.
Ökologisch vereint, politisch geteilt
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Geologisch wie ökologisch bildet das bayerisch-böhmische Mittelgebirge, das bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf beiden Seiten der Grenze Böhmerwald genannt wurde, in der Tat eine Einheit. Seine Wälder gehen nahtlos ineinander über; Tiere wandern ungestört über die Grenze hinweg; und auch die periodisch fliegenden Borkenkäfer machen an der Grenze nicht halt. Auch historisch war das Gebiet jahrhundertelang kulturell und sprachlich vereint: Obwohl die Staatsgrenze mittendurch verlief, lebte sowohl auf der bayerischen als auch auf der böhmischen Seite eine überwiegend deutschsprachige Bevölkerung, die gemeinsame Bräuche und Traditionen sowie Kontakte zueinander pflegte. Dies änderte sich allerdings schlagartig nach 1945: Die Vertreibung der „Deutschen“ aus der
Tschechoslowakei
ces. Československo, slk. Česko-Slovensko, eng. Czecho-Slovakia, eng. Czechoslovakia

Die Tschechoslowakei war ein zwischen 1918 und 1992 in wechselnden Grenzen und unter wechselnden Namen und politischen Systemen bestehender Staat, dessen ehemalige Landesteile in den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und der Ukraine (Karpatenukraine, bereits 1939 ungarisch besetzt, ab 1945 an die Sowjetunion) aufgegangen sind. Nach 1945 stand die Tschechoslowakei unter politischem Einfluss der Sowjetunion, war als Satellitenstaat Teil des sog. Ostblocks und ab 1955 Mitglied des Warschauer Paktes. Zwischen 1960 und 1990 trug das kommunistische Land offiziell den Namen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (abgekürzt ČSSR). Die demokratische politische Wende wurde 1989 mit der Samtenen Revolution eingeleitet und mündete 1992 in der Gründung der unabhängigen Tschechischen bzw. Slowakischen Republiken.

und das gewaltsame Schließen der Grenze entzweiten das historisch durchlässige Gebiet in den folgenden Jahrzehnten. Heute markiert die Staatsgrenze zwischen Tschechien und Deutschland zugleich eine Sprachgrenze. Zwischen den beiden Ländern besteht weiterhin, mehr als dreißig Jahre nach der Auflösung des Ostblocks, eine ökonomische Asymmetrie. Die Grenze, nach der man heute im Wald fast vergeblich sucht, war bis 1989 nur zu markant: Vierzig Jahre lang durchtrennte der Eiserne Vorhang das Waldgebiet und unterband Kontakte und Austausch. Auch für den Naturschutz ist die geteilte politische Zugehörigkeit des Gebiets bis heute relevant. Die beiden Nationalparks wurden seit ihrer Gründung nach teilweise unterschiedlichen Kriterien verwaltet.
Zur Geschichte des Grenzgebirges gehört beides: die einheitliche Ökologie sowie die politische Teilung. Eine einseitige Fokussierung auf die politische Grenze läuft Gefahr, die Gemeinsamkeiten und die geografische und ökologische Zusammengehörigkeit der beiden „Teile“ zu ignorieren. Zugleich ist die Parole von grenzenloser Wildnis, für die die menschengemachte Grenze keine Rolle spielt, zu vereinfachend. Sie verkennt die gestalterische Bedeutung, die die Staatsgrenze für das Gebiet des Bayerischen Waldes und Šumavas hatte und hat. Die Geschichte des Naturschutzes im Böhmerwald ist zum großen Teil auch eine Geschichte der Grenze: eine Geschichte von deren Überwinden und Aufrechterhaltung sowie von ihrer sich wandelnden Gestalt, Wahrnehmung und Bedeutung. Die folgenden Momentaufnahmen aus den letzten einhundert Jahren des grenzüberschreitenden Naturschutzes im Bayerischen Wald und Šumava zeigen, dass die unverkennbare Realität der Grenze für die Naturschützer durchaus eine wichtige Rolle spielte: just in den Momenten, in denen sie versuchten, sie zu überwinden.
Die Anziehungskraft des Kubany-Urwaldes
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Die ersten grenzüberschreitenden Kontakte und Transfers im Naturschutz des Böhmerwaldes drehten sich um einen Urwald. Genauer gesagt den Kubany-Urwald (Boubínský prales) im böhmischen Šumava: ein Stück Wald auf den Hängen des Berges
deu. Kubany, ces. Boubín

Der Boubín ist ein 1362 m hoher Berg in der Tschechischen Republik. Er liegt im Böhmerwald.

, das wegen seiner Unzugänglichkeit Mitte des 19. Jahrhunderts wohl tatsächlich noch aus ursprünglichen Wäldern bestand.1  1858 hat der adelige Großgrundbesitzer Johann Adolf II. Fürst zu Schwarzenberg 144 Hektar dieses Waldes aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen. Das entstandene Reservat avancierte in den folgenden Jahrzehnten zum Vorbild des frühen Naturschutzes schlechthin. Als sich um das Jahr 1900 in den Staaten Mitteleuropas der moderne Naturschutzdiskurs zu etablieren begann, wurde in der österreichischen Debatte – neben dem berühmten amerikanischen Yellowstone-Nationalpark – der Kubany immer wieder als Musterbeispiel genannt.2  Die böhmischen und österreichischen Naturschützer (es waren zu dieser Zeit tatsächlich fast ausschließlich Männer) priesen das Reservat als den ersten Setzling, aus dem weitere Naturschutzinitiativen herauswachsen würden.3  Auch wenn der Kubany auf der böhmischen Seite lag, strahlte er weit über die Grenze hinaus aus. Das Wissen um das Urwald-Reservat, das vermeintlich genuine „deutsche Natur“ schützte, überquerte schon früh den Gebirgskamm und verbreitete sich in deutschen Naturschutzkreisen. Die Existenz des Reservats half auch dabei, die Wahrnehmung des Böhmerwaldes als schützenswerter wilder Natur zu etablieren. Noch 1969 war im Beschluss des bayerischen Landtags zur Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald von der „Anziehungskraft des Kubany-Urwaldes“ die Rede.4
Naturschutz in Diensten des Expansionismus
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Nicht alle Versuche eines grenzüberschreitenden Naturschutzes basierten auf den Ideen eines friedlichen Gedankentransfers und eines naturschützenden Internationalismus. Sowohl in Deutschland als auch in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit war der Naturschutz eng an den nationalstaatlichen Gedanken gebunden. Im deutschen Fall kam ab den 1930er Jahren auch die imperiale Expansion hinzu. Die Pläne, einen grenzüberschreitenden „Nationalpark Böhmerwald“ zu etablieren, die der niederbayerische Naturschutzbeauftragte Eugen Eichhorn Ende 1938 vorlegte, waren vor allem expansionspolitisch motiviert: Sie schlossen Gebiete in den kürzlich annektierten tschechoslowakischen Teilen des Böhmerwalds mit ein und wollten somit die ehemalige tschechoslowakische Grenze verschwinden lassen.5  Obwohl die Pläne schließlich nicht realisiert wurden, zeigen sie, wie eng die Belange des grenzüberschreitenden Naturschutzes an die vorherrschenden Ideologien und die internationale Lage ihrer Zeit gebunden waren.
Intersilva: Versuch eines bilateralen Nationalparks
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Die politischen Abhängigkeiten des transnationalen Naturschutzes traten auch bei dem ersten Versuch, einen wirklich bilateralen Nationalpark im Bayerischen Wald und Šumava zu errichten, zutage. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurden Kontakte und Austausch zwischen deutschen und tschechoslowakischen Naturschützern häufiger und intensiver. Was in den Jahren davor die undurchlässige Grenze zwischen dem „Westen“ und dem „Ostblock“ unmöglich gemacht hatte, wurde nun durch eine Atmosphäre größerer politischer Offenheit in der Tschechoslowakei begünstigt. Auf einer Naturschutztagung im westböhmischen
Sušice

Sušice ist eine Stadt im Kreis Klatovy in der Region Pilsen in der Tschechischen Republik. Ihr tschechischer Name kommt von sušit (trocknen - in Anlehnung an das Trocknen von Goldsand) und spielt auf den früheren Goldabbau an. Heute hat die Stadt etwa 11000 Einwohner.

im Jahr 1967 erklärten die tschechischen Naturschützer ihre Absicht, einen bilateralen Nationalpark im Böhmerwald zu gründen und Kontakte zu den bayerischen Kollegen zu stärken. Von der deutschen Seite aus gab es ähnliche Bemühungen: Der Naturschutzbeauftragte der Regierung von Niederbayern, Hubert Weinzierl, setzte sich für ein grenzüberschreitendes Nationalparkprojekt mit dem Namen „Intersilva“ ein.6  Diese Bestrebungen kamen allerdings durch den politischen Wandel wieder zum Erliegen. Nachdem sowjetische Panzer im August 1968 das Ende des Prager Frühlings erzwungen hatten, mussten auch die gemeinsamen tschechoslowakisch-deutschen Pläne eines grenzüberschreitenden Nationalparks auf Eis gelegt werden. Der Nationalpark wurde 1970 nur im bayerischen Teil des Grenzgebirges errichtet. Die kurze Geschichte des Intersilva-Projekts markiert aber nicht nur die fortdauernde Bedeutung der politischen Grenze, sondern auch die feste Überzeugung der tschechischen und deutschen Naturschützer, dass beide Teile des Grenzgebirges zusammengehörten und gemeinsam geschützt werden sollten.
Grenzenlose Natur?
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1991 schien die Grenze endlich überwunden. Im März des Jahres wurde auf der tschechischen Seite des Gebirges der Nationalpark Šumava errichtet. Die bayerische Seite begrüßte ihn sofort als das lang ersehnte Pendant zum Nationalpark Bayerischer Wald. Scheinbar mühelos fügte sich die Zusammenarbeit der beiden Parks in die euphorische Atmosphäre der frühen 1990er Jahre und die neuen Kooperationsmöglichkeiten, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Mitteleuropa eröffneten. Naturschützer auf beiden Seiten schmiedeten gemeinsame Projekte und markierten grenzüberschreitende Lehrpfade. Bald zeigten sich jedoch auch Probleme, verursacht vor allem durch unterschiedliche Vorstellungen von Naturschutz in Tschechien und Deutschland und durch die unterschiedliche Stellung der beiden Parks im politischen und sozialen Kontext der beiden Länder. Während man den Bayerischen Wald seit den 1980er Jahren als angehende Wildnis betrachtete und dort die natürlichen Prozesse zu schützen suchte, hat man Šumava immer wieder als eine alte Kulturlandschaft bezeichnet und auch so verwaltet. Dazu kommt, dass Šumava im Kontext der Naturschutzdebatte in Tschechien eine zentrale Bedeutung zukommt und dass das Gebiet als Stellvertreter für Umweltkonflikte in Tschechien fungiert. Diese Rolle ist selbst mit der Stellung des Bayerischen Waldes als erster Nationalpark Deutschlands nicht zu vergleichen. Dass beide Parks durch eine Staatsgrenze getrennt waren, spielte für ihre Kooperation und für den gemeinsam betriebenen Naturschutz also weiterhin eine nicht zu unterschätzende Rolle.
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Die Natur der beiden Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava mag heute, dreißig Jahre später, grenzenlos wild erscheinen. Die Wälder, die Moore, die Tierwelt „hüben und drüben“ sind kaum voneinander zu unterscheiden. Der Grenzstein mitten im Wald jedoch bleibt stehen: Für die Geschichte und Gegenwart des Naturschutzes im deutsch-tschechischen Grenzgebirge spielte und spielt die Grenze – und die Versuche, sie zu überwinden – eine enorm wichtige Rolle.