Die Stadt Posen (heute Poznań) war um 1900 räumlich in ein deutsches Posen und ein polnisches Poznań geteilt. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die Quellen zur Bevölkerungs- und Raumpolitik in der Stadt. Ein Blick auf das Alltagsleben und insbesondere die städtische Vergnügungskultur differenziert dieses Bild.
Text
Varieté-Theater, Musik-Cafés, Kinos, Flugvorführungen, Rennveranstaltungen, Völkerschauen oder Zirkusse blühten um die Jahrhundertwende auf. Der Polizeipräsident Posens (heute
Poznań
deu. Posen

Poznań ist eine Großstadt im Westen von Polen und mit über 530.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt des Landes. Die Messe- und Universitätsstadt liegt in der historischen Landschaft Großpolen und ist zugleich Hauptstadt der heutigen gleichnamigen Woiwodschaft. Bereits in der Frühen Neuzeit ein bedeutendes Handelszentrum fiel die Stadt 1793 erstmals an das Königreich Preußen als Teil der neu gebildeten Provinz Südpreußen. Nach zwischenzeitlicher Zugehörigkeit zum Herzogtum Warschau (1807-1815) kam Posen nach dem Wiener Kongress erneut zu Preußen als Hauptstadt des neuen Großherzogtums Posen. Ab 1919 gehörte Poznań für zwei Jahrzehnte zur Zweiten Polnischen Republik, bevor die Stadt ab 1939 von der Wehrmacht besetzt und Teil des Reichsgaus Wartheland (dem sog. Warthegau) wurde. Die fast sechsjährige Besatzungszeit war geprägt durch die brutale Verfolgung der polnischen und jüdischen Bevölkerung einerseits, die zu Zehntausenden ermordet oder in Konzentrations- und Arbeitslagern interniert wurde, und der gezielten Neuansiedlung deutschsprachiger Bevölkerungsteile in Stadt und Umland andererseits. Anfang 1945 wurde Posen von der Roten Armee erobert und Teil der Volksrepublik Polen. Eines der wichtigsten Ereignisse der Nachkriegszeit war der gewaltsam niedergeschlagene Arbeiteraufstand im Juni 1956.

) bemerkte im Jahr 1909 in einem Schreiben an seinen Berliner Pendant, „die Konzerte in Cafés und Restaurants hier“ hätten „eine derartige Ausdehnung erfahren“. „[E]ine Einschränkung“, so führte er fort, erscheine „im Interesse der nächtlichen Ruhe und Ordnung erforderlich“.1
Die Inhaber:innen von Veranstaltungsorten wie dem Varietétheater „Apollo“ inserierten sowohl in deutsch- wie auch polnischsprachigen Zeitungen und druckten zweisprachige Plakate (Abb. 1).  Wie bei vergnügungskulturellen Veranstaltungen oftmals üblich, funktionierte das Bühnenprogramm jenseits sprachlicher Barrieren.  Unter Vergnügungskultur wird die „Summe aller Angebote“ verstanden, „die darauf abzielten, zu zerstreuen und dem Publikum Abwechslung von Arbeit und Alltag zu bieten.“2
Das Beispiel des Apollo-Theaters wirft Fragen auf: Wie wirkte sich die „Ausdehnung“ der Vergnügungskultur auf städtische Raumordnungen aus? Bisher prägen das Bild der Stadt überwiegend Vorstellungen, nach denen die Stadt in „deutsche“ oder „polnische“ Räume geordnet war. Was bedeutet das für etablierte Narrative, die vor allem Konflikte im Stadtraum hervorheben, im Fall Posens?
Polnisches Poznań, deutsches Posen?
Text
Die Provinzhauptstadt Posen im östlichen Teil des Deutschen Kaiserreichs rückte zum Ende des 19. Jahrhunderts ins Zentrum bevölkerungs- und raumpolitischer Debatten. Preußen hatte die Provinz im Zuge der sogenannten Zweiten Polnischen Teilung 1793 annektiert. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde dort eine Reihe von Auseinandersetzungen unter nationalen Vorzeichen ausgetragen. Es gab zeitweise Spannungen zwischen der überwiegend protestantischen preußischen Verwaltung und Vertretern des Adels, des katholischen Klerus sowie der Inteligencja, der intellektuellen gesellschaftlichen Elite.  Seit den 1870er Jahren entfachte die Germanisierungspolitik des Deutschen Reichs regelmäßig Konflikte. Zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg verschärfte sich die nationalistische Rhetorik: Polnisch- wie deutschnationalistische Akteure beanspruchten die Stadt als „Hauptstadt des Polentums“ beziehungsweise „Hauptstadt des deutschen Ostens“.3
Spätestens mit der Errichtung des sogenannten Kaiserviertels im Westen der Stadt wirkten sich diese gegensätzlichen Deutungen auch auf das Stadtbild aus. Die Stadt, so kommentierten Zeitgenossen, sei geteilt in ein deutsches, modernes Posen im Westen und ein polnisches, traditionelles Poznań im Osten.4
Diese Teilung lasse sich auch an Bevölkerungsstatistiken festmachen: Von den 156.000 Stadtbewohner:innen im Jahr 1910 gaben laut einer Volkszählung 57 Prozent Polnisch und 41 Prozent Deutsch als Muttersprache an. Damals – und teilweise bis heute – wurde die Sprache weitgehend mit Nationalität gleichgesetzt.5
Historiografie einer Konfliktgeschichte
Text
In der historischen Forschung dominiert dieses Konfliktnarrativ. Ein Grund dafür ist der starke Fokus auf Nationalgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg. Die Stadt und große Teile der ehemaligen Provinz Posen wurden dem neu gegründeten Polnischen Staat zugesprochen. Historiker:innen aus der Zweiten Polnischen Republik legitimierten die Stadt in ihren Studien als Teil Polens.
Studien aus der Weimarer Republik hingegen waren von der sogenannten Ostforschung geprägt und können als überwiegend revisionistisch bewertet werden: Ziel war es, den „deutschen“ Charakter der Stadt und die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich zu betonen. Erst in den 1960er Jahren löste sich die Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik langsam von revisionistischen Tendenzen. Als roter Faden blieb jedoch der sogenannte Nationalitätenkonflikt in der Bundesrepublik wie in der Volksrepublik und nach 1989 Republik Polen bestehen.
Wegen dieses Schwerpunkts standen vor allem (partei-)politische Akteur:innen und staatliche Herrschaftspraxen im Fokus der Forschung. Die herangezogenen Quellen erzählen die Geschichte überwiegend aus der Sicht städtischer Eliten. Diese Quellen bestätigen in der Regel das Bild einer nach Raum und Bevölkerung zweigeteilten Stadt.
„Expansion des Vergnügens“ und städtische Raumordnungen
Text
Zentrale Elemente des städtischen Alltags gerieten dabei allerdings in den Hintergrund. In Posen spielte zum Beispiel die Vergnügungskultur eine große Rolle. Die Stadt sei, so beschreibt es der Stadthistoriker Moritz Jaffé im Jahr 1909, „seit jeher der Ort der billigen Konzerte und Vorträge gewesen.“6  Während der Hochphase des sogenannten Nationalitätenkampfs zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg lässt sich in der Stadt eine „Expansion des Vergnügens“7  beobachten.
Der Blick auf die Vergnügungskultur differenziert das Bild der geteilten Stadt. Denn viele der Veranstaltungsorte warben über national gedachte Grenzen hinweg um Publikum. Im Vergleich zu den Nationaltheatern finanzierten sie sich nicht durch städtische Subventionen oder Spenden reicher Bewohner:innen. Sie waren auf möglichst zahlreiche Besucher:innen angewiesen.
Das eingangs erwähnte Apollo-Theater fungierte als Veranstaltungsort für verschiedenste Vereinigungen (Abb. 2). Dort organisierten etwa sozialistische Gruppen Vorträge. Daneben veranstaltete die jüdische Gemeinde in dem Theater das Lichtfest, der ornithologische Verein stellte Vögel aus und polnischnationale Akteure hielten Protestversammlungen ab. Auch ein Metzgerkongress sowie der „polnische Verbandsturnertag“ fanden dort statt.
Text
Das Apollo-Theater stand also für alle offen, die das (oftmals geringe) Eintrittsgeld oder die Saalmiete aufbringen konnten. Für deutschsprachige Stücke im Apollo-Theater hielten lokale Buchhändler:innen sogar polnischsprachige Übersetzungen bereit. In den Räumen des Theaters kamen demnach sozial und politisch unterschiedlich geprägte Menschen zusammen. Vergnügungskulturelle Veranstaltungsorte wie das Apollo-Theater entglitten so der räumlichen Einteilung der Stadt in Deutsch oder Polnisch.
Nationalistische Akteure und städtische Unordnung
Text
Nicht nur der Polizeipräsident hatte zeitweilen Mühe, die nächtliche „Ruhe und Ordnung“ aufrechtzuerhalten. Auch nationalistische Akteur:innen haderten mit der Attraktivität vergnügungskultureller Veranstaltungen. Zeitungsöffentlich äußerten nationalistische Akteure ihren Unmut. In der polnischnationalen Tageszeitung „Dziennik Poznanski“ beklagte ein Autor im Jahr 1903 leere Reihen im Polnischen Theater der Stadt. Die Schuld dafür gab er einer deutschsprachigen Operette im Apollo-Theater.
Im Jahr 1911 sorgten die Attraktionen der sogenannten Ostdeutschen Ausstellung für Aufsehen. Die Ausstellung sollte die wirtschaftliche Leistungskraft der östlichen Provinzen des Kaiserreichs demonstrieren. Sie war deutschnational konnotiert. Auf dem Ausstellungsgelände befand sich ein Vergnügungspark (Abb. 3).
Text
Die polnischnationale Tageszeitung „Orędownik“ warnte vor einem Besuch. Sie könne „jene Mitglieder unserer Gesellschaft“ nicht verstehen, die in Betracht zögen, „die deutsche Ausstellung als Ort des alltäglichen Vergnügens zu erachten“ und „die ihre verschiedenen Attraktionen in der Art von Konzerten, Theater, Panoramen etc. besichtigen wollen.“ „Eine solche Teilnahme vonseiten unserer Gesellschaft“, so die Zeitung weiter, „wäre ein eklatanter Verrat unserer nationalen Würde.“8  Das vergnügungskulturelle Angebot der Ausstellung stellte nationalistische Akteure vor Probleme. Sie hatten Schwierigkeiten, das Bild der geteilten Stadt aufrechtzuerhalten.
Nationale Kategorien in Zeiten des Konflikts
Text
Nationale Kategorien waren im Stadtleben also nicht immer handlungsleitend. Das legen die zeitungsöffentlich geäußerten Klagen nahe. Diese Beobachtung trifft teilweise sogar für Jahre zu, die in der Forschung als Hochphasen nationaler Konflikte beschrieben werden.
Im Jahr 1901 etwa fand der sogenannte Wreschener Schulstreik statt. Das preußische Kultusministerium hatte 1900 verboten, Religionsunterricht in der Ober- und Mittelstufe auf Polnisch zu halten. Aus Protest hatten sich im Mai 1901 in Wreschen (heute
Września
) in der Provinz Posen einige Schulkinder mit Unterstützung eines katholischen Priesters geweigert, im Unterricht auf Deutsch zu antworten. Die Lehrer züchtigen die Schüler:innen daraufhin körperlich, was Demonstrationen und Proteste hervorrief. Von großem medialem Echo begleitet, klagte der Staat in der Folge 25 der streikenden und demonstrierenden Personen an.
Im gleichen Jahr trat der gefeierte polnischnationale Pianist Ignacy Jan Paderewski im Posener Apollo-Theater auf. Im Vorfeld des Auftritts hatten deutschnationalistische Akteure ausdrücklich dazu aufgerufen, das Konzert zu meiden. Das deutschnationale „Posener Tageblatt“ musste nach dem Konzert dennoch über deutsche Besucher:innen berichten. Trotz der konfliktgeladenen medialen Stimmung widersprach das Publikum also den Vorstellungen einer national gespaltenen Stadt.
Vergnügungskultur und nationalistische Mobilisierung
Text
Vergnügungskultur diente jedoch auch der nationalistischen Mobilisierung, wie das Beispiel der sogenannten Ostdeutschen Ausstellung zeigt. Als die Organisatoren mit niedrigen Besucher:innenzahlen haderten, machten die Organisatoren als Reaktion darauf den Vergnügungspark der Ausstellung mit einem eigenen Eingang separat zugänglich. So wollten sie die Besucher:innenstatistik verbessern.
Die Organisator:innen setzten also nicht allein auf die Aussteller:innen aus Handel und Gewerbe, sondern der Vergnügungspark sollte die Menschen aus Stadt und Region anlocken. Indem sie die Besucher:innen des Parks in die Statistik der Ausstellung einrechneten, besserten die Organisatoren so die Besucher:innenzahl der Ausstellung auf.
 
Diese Zahl wiederum legitimierte die nationalistisch ausgerichtete Ausstellung überhaupt. Zum Abschluss der Ausstellung suggerierten die Organisator:innen zahlreiches Interesse der Besucher:innen an den deutschnationalen Inhalten. Die vergnügungskulturellen Attraktionen dienten somit den Interessen nationalistischer Akteur:innen.
Vergnügungskultur als Zugang zur Stadtgeschichte
Text
Der Zugang über Vergnügungskultur eröffnet neue Perspektiven auf die Stadtgeschichte Posens.  Hierarchien, die entlang der Kategorien deutsch und polnisch verliefen, schrieben sich zwar auch im Bereich der Vergnügungskultur fort. Doch kann dieser Zugang zeigen, dass im Fall Posens etablierte Konfliktnarrative im Alltagsleben an ihre Grenzen stoßen. Denn staatliche wie auch nationalistische Akteure hatten Schwierigkeiten Ordnungsmuster herzustellen und aufrechtzuerhalten. Fragen nach Ordnung und Unordnung in den multiethnischen Städten um 1900 werden so erneut aufgeworfen.