Charkiw war von 1919 bis 1934 Hauptstadt der sowjetischen Ukraine – und damit Ort kühner Architekturexperimente und Zentrum der kulturellen Avantgarde der Ukraine. Einen Einblick in diese Zeit gibt der Experte für Stadtgeschichte Mikhail Ilchenko.
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Charkiw war von 1919 bis 1934 die Hauptstadt der Sowjetischen Ukraine, eine Zeit, die bis heute Gegenstand vieler Mythen und Diskussionen bleibt. Für die einen ist diese Zeit ein Symbol für die einstige Größe und die Blütezeit der Stadt, für die anderen ein zufälliges Zusammentreffen historischer Umstände. Für die einen erscheint das Charkiw nach der  Revolution von 1917
Russische Revolution
auch:
Revolution, Zweite Russische Revolution
Die Russische Revolution von 1917 gilt als Wendepunkt der russischen Geschichte und als Beginn der Herrschaft der Bolschewiki, einer sozialistischen Bewegung im Russischen Reich. Bevor aus jener sogenannten Oktoberevolution die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR, Sowjetunion) hervorgehen sollte, hatte diese zunächst einen Bürgerkrieg zwischen monarchietreuen und oppositionellen Gruppierungen zur Folge, aus dem letztlich die Bolschewiki siegreich hervorgingen. Ihr neuer Staat, die Sowjetunion, war eine Diktatur, die zur Etablierung ihrer Herrschaft über das Vielvölkerreich nicht vor massiver Gewaltanwendung und Repressionen zurückschreckte.
 als neues Zentrum der ukrainischen Kultur, für die anderen verkörpert das Charkiw dieser Zeit wie keine andere Stadt das Sowjetische, das die „wahre“ ukrainische Tradition abbrach. Diese Diskussionen sind unbestrittener Teil der städtischen Identität und des kulturellen Codes der Stadt. Es war gerade Charkiw, das mit der Erklärung zur Hauptstadt der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik im Jahre 1919 zum auffallendsten Beispiel der rasanten Modernisierung der Ukraine und zum Ort einer der radikalsten städtischen Transformationen der Zwischenkriegszeit im ganzen östlichen Europa wurde.
Stadtraum einer „Neuen Welt“
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Die Frage, warum die  Bolschewiki
Bolschewiki
auch:
Bolschewisten, Bolschewiken
Die Bolschewiki waren eine Gruppierung innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die nach der Absetzung des Zaren und der Oktoberrevolution 1917 die neue Regierung bildeten.
 ausgerechnet Charkiw zur neuen Hauptstadt machten, ist bis heute umstritten. Aber offensichtlich ist, dass solch eine Entscheidung ganz im Sinne der von den sowjetischen Machthabern bevorzugten Strategie war, eine „neue Geschichte“ und „neue Symbole“ zu schaffen. Die alte, „historische“ Hauptstadt der Ukraine, Kyjiw, hatte das Image einer patriarchalen und wohlhabenden Stadt und war weit entfernt davon, sich während des Bürgerkriegs den Bolschewiki gegenüber loyal zu zeigen. Im Gegensatz dazu war Charkiw ein idealer Schauplatz für revolutionäre Experimente – als bedeutende Industriestadt, als eines der Zentren der Arbeiterbewegung und als Stadtraum, der nicht übermäßig mit Symbolen des Zarenreichs belastet war.
 
Für die Bolschewiki wurde Charkiw vielleicht zur bedeutendsten und symbolträchtigsten Großbaustelle. Zahlreiche Institutionen der öffentlichen Verwaltung wurden nach Charkiw verlegt, neue soziale und kulturelle Einrichtungen entstanden. Dies führte unweigerlich zu einer radikalen Umgestaltung und einem enormen Wachstum des städtischen Raums. Das Ausmaß der Bauarbeiten in Charkiw in den Jahren 1920–1930 war, selbst im Vergleich zu anderen radikalen urbanen Bauexperimenten in der damaligen Sowjetunion, erstaunlich. In Moskau verteilten sich die gewaltigen postrevolutionären Bautätigkeiten auf den riesigen Raum der Metropole. In Charkiw dagegen wurden die neuen Bauten auf einem kompakten Territorium errichtet, was den Eindruck einer sich rasant verändernden Realität erzeugte. ugleich konnte Charkiw im Gegensatz zum Großteil der aktiv geschaffenen neuen sowjetischen „Zukunftsstädte" auf eine reichhaltige Geschichte zurückblicken: Das vorrevolutionäre Charkiw hatte zu den größten Städten des Russischen Reiches gezählt und war eines seiner wichtigsten Universitäts- und Industriezentren – was sich in seiner soliden und zugleich bemerkenswerten Architektur widerspiegelte. Aber sogar vor diesem Hintergrund ließen die neuen Bauten den absoluten Kontrast zwischen den beiden Epochen erkennbar werden.
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Der phänomenale Gebäudekomplex des „Hauses der Staatlichen Industrie“, dessen ukrainisches Akronym Derschprom (russ. Gosprom) ist, im Zentrum von Charkiw ist bis heute eins der wichtigsten Symbole der gesamten Avantgarde in der Architektur der Sowjetunion. Allein die Tatsache, dass es nicht in Moskau gebaut und dass unter seinen Architekten keine weltbekannten Stars waren, verhinderte, dass es den unausgesprochenen Status des wichtigsten Bauwerks der Sowjetunion erlangte. Nichtsdestoweniger trugen genau diese Umstände dazu bei, dass dieses Projekt in solcher Größenordnung und Kühnheit realisiert werden konnte. Denn in Charkiw konnten Dinge umgesetzt werden, die in Moskau nicht erlaubt waren. Hier konnte man Risiken eingehen, experimentieren und improvisieren. Derschprom war einer der ersten Wolkenkratzer der Sowjetunion und wurde in einer Rekordzeit von drei Jahren gebaut. Es war das Ergebnis zahlreicher technologischer Tricks und Kniffe, zu denen das Team von Chefkonstrukteur Pavel Rottert angesichts des ständigen Mangels an Ressourcen und Arbeitskräften genötigt war. Der Derschprom-Gebäudekomplex visualisiert die Ambitionen der neuen Machthabenden auf ideale Weise. In den 1930er Jahren war eins der populärsten Bilder des Komplexes eine Fotografie mit den neuen sowjetischen GAZ-Automobolen im Vordergrund. Der GAZ-Wagen war die sowjetische Version des amerikanischen Ford und in dieser Inszenierung wirkt das Derschprom-Gebäude wie ein Wolkenkratzer in New York City. Die Orientierungspunkte und Bestrebungen der sowjetischen Machthaber waren also kaum zu übersehen.
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Ein weiterer auffälliger Indikator für den Status und die Ambitionen der Stadt in den ersten Jahrzehnten der sowjetischen Herrschaft ist die Zahl der nicht realisierten Architekturprojekte und -entwürfe. Einzig Moskau übertrifft Charkiw in dieser Hinsicht. Es gab Entwürfe für riesige Regierungsgebäude, den Bau eines gigantischen Theaters mit Plätzen für mehrere tausend Zuschauer, für eine Sportarena und monumentale Verkehrsmagistralen. Diese Projekte wurden größtenteils nicht realisiert, aber sie schufen eine wichtige Orientierung, visualisierten das Bild der Zukunft und stärkten die neue symbolische Rolle der Stadt.
Wohlgemerkt gab es auch geplante Projekte, die alle anfänglichen Erwartungen übertrafen. So entsteht innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren, von 1930 bis 1932, -nur wenige Kilometer von Charkiw entfernt- eine sozialistische Stadt (russ. Sozgorod) namens Nowyj Charkiw, die für die Arbeiter des Charkiwer Traktorenwerks gebaut wurde. Die Errichtung solcher neuen modernistischen Siedlungen in der Nähe großer Industrieunternehmen war ein Trend jener Zeit. Auch in anderen Ländern entstanden in dieser Zeit ähnliche Stadtteile. Doch die Entstehung von Nowyj Charkiw war einzigartig, was die Kürze der Zeit und den Umfang des entstandenen Wohnraums angeht. Das Sozgorod wurde für mehr als hunderttausend Einwohner geplant, und zwischen dem Beginn der Entwürfe und dem feierlichen ersten Spatenstich vergingen nur vier Monate. Das Charkiw der Zwischenkriegszeit wurde zu einem Laboratorium für Technologie und Ideen, zu einem Ort der Ausbildung von Führungskräften für die gesamte Sowjetunion. Pavel Rottert wurde übrigens nach dem erfolgreichen Bau von Derschprom Chefingenieur von Dnjeprostroj  (Ukr. Dniprobud), wo er am Bau des Dnipro-Wasserkraftwerks, dem damals größten in Europa, mitwirkte. Wenig später leitete er den Bau eines der wichtigsten Symbole der sowjetischen InIndustrialisierung - der Moskauer Metro.
Zentrum der ukrainischen Wiedergeburt
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Die auffallende Intensität und Radikalität der Veränderungen in Charkiw in den 1920er Jahren beschränkte sich nicht auf Architektur und Industrie. Die sowjetischen Behörden waren bestrebt, die Stadt zum neuen kulturellen Zentrum der Ukraine zu machen. Auch hier sahen sie die Stadt als Alternative und symbolisches Gegengewicht zum „kleinbürgerlichen und bourgeoisen“ Kyjiw.
Charkiw war vor der  Revolution von 1917
Russische Revolution
auch:
Revolution, Zweite Russische Revolution
Die Russische Revolution von 1917 gilt als Wendepunkt der russischen Geschichte und als Beginn der Herrschaft der Bolschewiki, einer sozialistischen Bewegung im Russischen Reich. Bevor aus jener sogenannten Oktoberevolution die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR, Sowjetunion) hervorgehen sollte, hatte diese zunächst einen Bürgerkrieg zwischen monarchietreuen und oppositionellen Gruppierungen zur Folge, aus dem letztlich die Bolschewiki siegreich hervorgingen. Ihr neuer Staat, die Sowjetunion, war eine Diktatur, die zur Etablierung ihrer Herrschaft über das Vielvölkerreich nicht vor massiver Gewaltanwendung und Repressionen zurückschreckte.
 eine überwiegend russischsprachige Stadt. Dennoch wurde es zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Zentren der  ukrainischen Nationalbewegung
Ukrainische Nationalbewegung
Aufgrund der Tatsache, dass das Gebiet der heutigen Ukraine im 19. Jahrhundert im Westen Teil des Habsburgerreichs und im Osten des Russländischen Reichs war, verlief die Ukrainische Nationalbewegung keinesfalls einheitlich. Im Russischen Reich wurde Ukrainisch nicht als eigene Nation und Sprache, sondern lediglich als untergeordnete Form oder Untergruppe des Russischen angesehen. Darüber hinaus wurden die ukrainische Kultur und Sprache beispielsweise durch ein Verbot der ukrainischen Sprache unterdrückt. Allerdings hinderte dies Teile der Ukrainischen Intelligenz nicht daran, die ukrainische Kultur in Literatur, Musik, Kunst und anderen Formen zum Ausdruck zu bringen. Unter ihren bedeutendsten Vertretern befinden sich Taras Schewtschenko, Mykola Kostomarow und Pantelejmon Kulisch. Einfacher entfalten konnte sich die Bewegung im österreichischen Galizien, das von einer mehrheitlich ukrainischen Landbevölkerung geprägt war. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier ukrainische Schulen gegründet, so dass das ukrainische Nationalbewusstsein früher als in den östlichen Gebieten etabliert wurde. Herausragende Anhänger der Nationalbewegung in Galizien waren der Dichter Iwan Franko und der Historiker Mychajlo Hruschewskyj.
. Wie in anderen Städten des Russländischen Reiches war die ukrainische Kultur nicht vollkommen legal; sie entwickelte sich entgegen der Bestrebung der imperialen Behörden, die versuchten, diese klein zu halten und sich gegenüber aller Manifestation des Ukrainischen äußerst misstrauisch verhielten. Nichtsdestotrotz war es Charkiw, in dem 1898 das erste Denkmal für den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko entstand. Auch Mykola Michnowskyj, einer der Begründer des ukrainischen Nationalismus, war in Charkiw tätig. Er veröffentliche im Jahr 1900 das Manifest „Unabhängige Ukraine“ („Samostijna Ukrajina“) und war 1904 an der Organisation eines Bombenanschlags auf das Puschkindenkmal im Zentrum der Stadt beteiligt. Das Denkmal wurde bei der Explosion nicht zerstört. Es brach lediglich ein Teil des Sockels ab. Die Puschkin-Büste selbst wurde mehr als ein Jahrhundert später, am 9. November 2022 nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die gesamte Ukraine demontiert.
In diesem Sinne fiel die Politik der  „Ukrajinisazija“
Ukrainisierung
auch:
Ukrajinisazija
Die Anfangszeit (ca. 1920-1930) der Sowjetherrschaft war von einer Nationalitätenpolitik geprägt, die dem Prinzip der Korenisazija (dt. Einwurzelung) folgte. Damit war die Förderung der vielen nationalen Identitäten und Kulturen des Vielvölkerstaats und deren Einbindung in das Staatssystem gemeint. In dieser Phase wurde unter anderem die ukrainische Kultur gefördert und die ukrainische Sprache in der Ukrainischen Sowjetrepublik als Amtssprache eingesetzt und in den Schulen jenes Territoriums unterrichtet. Allerdings endete diese Phase bereits Anfang 1930 und neben politisch Andersdenkenden fielen insbesondere die nationalen Minderheiten und Eliten der Sowjetunion den Säuberungen der 1930er Jahre zum Opfer.
  (Russ. Ukrainisazija) der 1920er Jahre in Charkiw auf fruchtbaren Boden. Sie wird zu einem wichtigen Bestandteil des neuen groß angelegten Experiments der sowjetischen Führung auf dem Gebiet der Nationalitätenpolitik werden. Die Förderung der nationalen Kulturen der Sowjetrepubliken folgte der pragmatischen Strategie Moskaus, der einheimischen Bevölkerung und den lokalen Eliten entgegenzukommen, und gleichzeitig der Welt zu demonstrieren, wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker im jungen Staat umgesetzt wird. Unter diesen Bedingungen wurde Charkiw zu einem Ort, an dem sich die ukrainische Kultur faktisch neu bildete. In beachtlich kurzer Zeit entstand in der Stadt eine Vielzahl literarischer, künstlerischer und theatralischer Vereinigungen und junge Künstler:innen und Intellektuelle aus der ganzen Ukraine zog es hierher. Die sowjetische Zeitschrift „UdSSR im Bau“, die gleich in mehreren Sprachen erschien, konstatierte 1930: „Presse und Druck in ukrainischer Sprache, die Förderung der ukrainischen Literatur, des ukrainischen Theaters und Films, bei gleichzeitiger Pflege der nationalen Minderheiten in der Ukraine – dafür steht Charkiw heute, jetzt Hauptstadt der ukrainischen arbeitenden Massen, früher eine vorwiegend russische Stadt“ (UdSSR im Bau, 1930, Nr. 7-8).
Die Dichte und unvergleichliche Vielfalt des kulturellen Lebens in Charkiw während seiner Zeit als Hauptstadt der Ukraine ist erstaunlich. Im kompakten und überschaubaren Stadtzentrum entstanden neue künstlerische Gruppen und Organisationen, Zeitschriftenredaktionen, Theaterbühnen und Kunstateliers. Bedeutende Kulturschaffende der ukrainischen Kultur und junge Stars der Literaturszene lebten und arbeiteten Seite an Seite und schufen eine einzigartige Atmosphäre und besondere Energie. Nach dem Vorbild anderer Berufsgruppen siedeln die sowjetischen Behörden die kreative Intelligenz in gesonderten genossenschaftlich getragenen Häusern an. Eines dieser Häuser wird speziell für ukrainische Literat:innen gebaut und vom Charkiwer Architekten Michail Daschkewytsch im modischen Stil des Konstruktivismus entworfen. Nach den Plänen des Architekten sollte das Haus die Form des kyrillischen Buchstabens „C“ (lies „S“) erhalten, was eine Hommage an die Architekturästhetik der Epoche war. Unter Einheimischen etablierte sich die Bezeichnung Slowo-Haus („Slowo“ heißt auf Ukrainisch und Russisch „Wort“).
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Die Liste der Bewohner:innen des Slowo-Hauses kann als Liste der Schlüsselfiguren der ukrainischen Kultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelesen werden. So ist das Haus wie ein lebendiges Lehrbuch für ukrainische Literaturgeschichte. Der berühmte Avantgarde-Dichter Majk Johansen fand sich hier als lärmender Nachbar von Pawlo Tytschyna, einem der wichtigsten ukrainischen Dichter der Sowjetzeit, wieder – und tauschte auf dessen Wunsch mit diesem die Wohnungen. Auch der Begründer des modernen ukrainischen Theaters, der Regisseur und Dramatiker Les Kurbas, traf sich mit seinem Freund, dem Schriftsteller und Dramatiker Mykola Kulisch, direkt unter dem Dach des Gebäudes, um neue kreative Projekte zu besprechen. Heute, nach vielen Jahrzehnten, erscheint all das erstaunlich und fast mythisch. Es war eine Zeit waghalsiger Experimente, unerwarteter kreativer Allianzen und des Gefühls der Allmacht künstlerischer Energie.
Allerdings war diese romantische Zeit kreativer Höhenflüge allzu kurz. Die sowjetische Führung wurde von ihrer eigenen Kultur- und Nationalitätenpolitik enttäuscht, die sie zunächst für vollkommen kontrollierbar und pragmatisch hielt. Die losgetretenen Veränderungen und Prozesse begannen Ergebnisse zu haben, die Moskau irritierten und erschreckten. Die freien Diskussionen und Diskurse gingen in den Augen der sowjetischen Führung zu weit. Die ukrainische Intelligenzija, die die ukrainische Nationalbewegung der Zeit weiterentwickelte, wurde in den Augen der Führung zur Trägerin fremder Ideen und sie erklärte sie zur potenziellen Bedrohung der Sowjetmacht. Unberechenbarkeit und Spontanität waren die natürlichen Begleiterscheinungen der Modernisierung, doch in Moskau hielt man weiterhin am Prinzip des Social Engineering fest – und dabei an seiner brutalsten und blutigsten Ausprägung.
Eine der herausragendsten und tragischsten Figuren unter den Slowo-Bewohner:innen war Mykola Chwylowyj, der Leiter der avantgardistischen literarischen Vereinigung WAPLITE (Wіlna Akademia Proletarskoi Literatury) und möglicherweise der wichtigste ukrainische Schriftsteller seiner Generation. Wie kein anderer verstand er es, die zentralen inneren Widersprüche und Wertekonflikte der Epoche sowohl in seinen Werken als auch in seinem Leben zum Ausdruck zu bringen. Er blieb bis zu seinem Lebensende überzeugter Kommunist. Und dabei war er kompromisslos und formulierte deutlich und unmissverständlich die Schlüsselprinzipien der nationalen kulturellen Wiedergeburt der Ukraine. Seine Slogans „Weg von Moskau!“ und „Her mit Europa!“  warnten vor der russischen Kolonisierung, forderten einen europäischen Weg für die Entwicklung der Ukraine und erwiesen sich, wie die Geschichte zeigt, als erschreckend hellsichtig.
Die Tragödie bestand darin, dass diese Komponenten seiner Weltanschauung im realen Leben nicht zusammen existieren konnten. Die Träume von einer unabhängigen und freien Ukraine gerieten schnell in Konflikt mit der offiziellen „Parteilinie“ und den Zielen der Bolschewiki. Chwylowyj erlebte mit eigenen Augen, wie schnell die Politik der „Ukrajinisazija“ ein Ende fand und die einstigen Hoffnungen und Ideale zerbröckelten. Im Mai 1933 wurde sein Kollege und Mitstreiter bei der Freien Akademie für Proletarische Literatur (WAPLITE) Mykhailo Yalovy in seiner Wohnung im Slowo-Haus verhaftet. Am nächsten Tag lud Mykola Chwylowyj seine Nachbarn und Schriftstellerfreunde Mykola Kulisch und Oles’ Dosvitnij zu sich ein. Noch während des Treffens ging er in das benachbarte Zimmer und erschoss sich selbst. Dieser Tod war ein tragisches Symbol für das Ende einer Ära der Hoffnung für die ukrainische Intelligenz und der Beginn einer schrecklichen Periode von Repressionen gegen ihre wichtigsten Vertreter:innen. In dieser Zeit erhielt das Slowo-Haus ein düsteres Image als Ort der Unterdrückung und Verhaftungen — dreiundreißig seiner Bewohner:innen wurden erschossen und dreizehn wurden in Lager verbracht. Die meisten von ihnen wurden am 3. November 1937 im Rahmen einer Massenexekution der ukrainischen intellektuellen Elite durch den  NKWD
Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten
auch:
NKWD
NKWD ist die Abkürzung für die russische Bezeichnung Narodny kommissariat wnutrennyih del (dt. Volkskomissariat für Innere Angelegenheiten) und war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Unter dessen Arbeitsbereich fielen darüber hinaus Tätigkeiten eines Geheimdienstes. In der Praxis wurde der NKWD mit dem Ausschalten politischer Gegner beauftragt, so dass dieser in zahlreiche Säuberungsaktionen des Roten Terrors involviert war, darunter auch die hier erwähnte Massenexekution der ukrainischen Intelligenzija am 03. November 1937 in der Sandarmoch-Schlucht. Ein weiteres bekanntes Verbrechen des NKWD waren die Massenerschießungen von Katyn im Jahre 1940.
 in der Sandarmoch-Schlucht (Karelien) „zum Gedenken an den zwanzigsten Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ ermordet. Unter den Opfern waren Mykhailo Yalovy, Les Kurbas und Mykola Kulisch; Majk Johansen war schon in der Woche davor in Kyjiw erschossen worden. Die Generation der ukrainischen Intellektuellen und Künstler:innen, die durch Stalins Repressionen ausgelöscht worden war, sollte in den Begriff der "hingerichteten Wiedergeburt" eingehen. Es war Charkiw, das zum Ort ihrer Entfaltung wurde und das wichtigste Symbol der kulturellen Blüte dieser Zeit bleibt.
Der Raum des Dazwischen
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Charkiw verlor seinen Status als Hauptstadt so schnell und unerwartet, wie es ihn gewonnen hatte. Anfang 1934 beschloss der Kreml, die Hauptstadt nach Kyjiw zurückzuverlegen, und im Sommer brachte ein Festzug die ukrainische Parteielite an ihren neuen Arbeitsort. Wie bei der Entscheidung, die Hauptstadt in Charkiw anzusiedeln, wurden auch diesmal die Gründe für die Verlegung der Öffentlichkeit vorenthalten.
Doch der Verlust des offiziellen Status konnte die Bedeutung der Stadt nicht schmälern. Charkiw behielt seine Ambitionen, seine hervorgehobene Position und seinen hauptstädtischen Charakter. Charkiw war und blieb weiterhin eine Metropole, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, eine Universitätsstadt, ein Maßstab für Entwicklung und ein kultureller Anziehungspunkt für Menschen aus verschiedenen Regionen und Ländern. Die Lage der Stadt am Knotenpunkt verschiedener Kulturen und Traditionen prägt bis heute ihren multiethnischen Charakter, ihre Offenheit und ihre dynamische Entwicklung.
Diese besondere Aura der Stadt wurde am besten von Serhij Zhadan eingefangen, der als Schrifsteller mittlerweile internationale Berühmtheit erlangt hat und für den Literaturnobelpreis nominiert war. In einem seiner lyrischsten Bücher, dem Novellenband „Mesopotamien“ wird ein Bild von Charkiw als Zweistromland entworfen. Die Stadt erscheint als eine besondere Zivilisation, als ein Raum, der sich selbst genug ist, der in seinem einzigartigen Rhythmus lebt und in dem sich Elemente vielfältiger Lebensweisen und Lebenserfahrungen verflechten.



Und dort, wo die frische Morgenluft aufstieg, im Sonnenfeuer und in Pappelflaumwolken, standen Kirchen, Moscheen und Synagogen, die im Notfalle alle Einwohner der Stadt aufnehmen konnten, es gab Denkmäler für Dichter und Universitätsgründer, dort lagen Parks, in denen aus Asien und Südamerika herbeigeschaffte Vögel und Tiere hausten, es drängten sich Theater, Paläste, das Rathaus mit der Gemeindeverwaltung und ein Einkaufszentrum. Die Hausmeister schrubbten morgens die Treppen, die zu den Denkmälern und Konzertsälen führten, Verkehrspolizisten versuchten verzweifelt, die Radfahrer zu vertreiben, die auf den Platz schossen und Schwärme von Tauben und die roten lärmigen Papageien verscheuchten, Professoren und Berater waren auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen, um sich um die Belange der Stadt zu kümmern, sie vor finanziellen Risiken und zivilisatorischen Gefahren zu bewahren.

Serhij Zhadan, Mesopotamien, aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr, Berlin 2022, S. 130
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Im Jahr 2014 wurde die Grenzstadt Charkiw zu einer Frontstadt. Mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten im Donbas und der Besetzung von Teilen des ukrainischen Territoriums durch Russland wurde sie zu einem Ort der Unruhe, wenngleich die Stadt ihre Eigenständigkeit behaupten konnte. Bereits im Februar 2022 wurden Wohnhäuser, Universitäten, Krankenhäuser, Kirchen, Theater, Bibliotheken, Stadions, die vielzähligen Architekturdenkmäler der Stadt ständig beschossen und mit Raketen und Bomben attackiert. Die Stadt war von einem der schwersten Angriffe im Rahmen des russischen Angriffskriegs auf die gesamte Ukraine betroffen und wurde zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in großem Umfang zerstört. Das schöne, stattliche, hauptstädtisch anmutende Stadtzentrum begann sich vor den Augen der Welt in Schutt und Asche zu verwandeln. Insgesamt wurden im Laufe des ersten Kriegsjahres mehr als 6.000 Häuser und Gebäude in Charkiw zerstört und beschädigt – darunter leider auch das Slowo-Haus. Dieses tragische Denkmal der ukrainischen Moderne wurde am 7. März 2022, in der zweiten Kriegswoche, von einer Granate getroffen. Eine weitere düstere Erinnerung daran, dass der Kampf um die Behauptung und das Existenzrecht der ukrainischen Kultur noch immer andauert.
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Deutsche Übersetzung: Dorothee Riese, Leticia dos Santos (Russisch-Deutsch)

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