Im Zuge der russischen Invasion setzt das Kiewer Kriegsmuseum seine Aktivitäten als wichtiger Akteur beim Aufbau der ukrainischen Identität fort. Konfrontiert mit den kriegerischen Ereignissen selbst in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt greift das Museum auf drastische historische Vergleiche zurück, um die Gewalterfahrungen der Gegenwart einzuordnen. Elżbieta Olzacka geht es in ihrem Beitrag darum, die im Museum anzutreffenden Geschichtskonstruktionen herauszuarbeiten, nicht sie kritisch zu hinterfragen.
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Als die 
Ukraine
ukr. Ukrajina, eng. Ukraine

Die Ukraine ist ein von ungefähr 42 Millionen Menschen bewohntes Land im östlichen Europa. Kiew ist die Hauptstadt und zugleich größte Stadt der Ukraine. Das Land ist seit 1991 unabhängig. Der Dnieper ist der längste Fluss der Ukraine.

 Anfang Februar 2022 am Rande kriegerischer Auseinandersetzungen mit 
Russland
eng. Russia, rus. Rossija, rus. Россия

Die Russische Föderation ist der größte Flächenstaat der Welt und wird von rund 145 Millionen Menschen bewohnt. Hauptstadt und größte Stadt ist Moskau mit ungefähr 11,5 Millionen Einwohner:innen, gefolgt von Sankt Petersburg mit mehr als 5,3 Millionen Einwohner:innen. Der deutlich überwiegende Teil der Bevölkerung lebt im europäischen Teil Russlands, der dichter besiedelt ist, als der asiatische.

Die Russische Föderation ist seit 1992 Nachfolgestaat der russischen Sowjetrepublik (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, RSFSR), dem mit Abstand größten Teilstaat der ehemaligen Sowjetunion. Sie ist zugleich Rechtsnachfolger der Sowjetunion im Sinne des Völkerrechts.

 stand, wurde die Kiewer Mutter-Heimat-Statue in den ukrainischen Landesfarben angestrahlt. Das im Museumskomplex des Nationalmuseums für die Geschichte der Ukraine befindliche Denkmal aus dem Zweiten Weltkrieg wurde zu einem Symbol der nationalen Einheit und der Bereitschaft der Ukrainer:innen, sich gegen feindliche Angriffe zu verteidigen. Einige Wochen später, als russische Panzer versuchten, nach 
Kyjiw
deu. Kiew, eng. Kiev, eng. Kyiv, pol. Kijów

Kiew liegt am Fluss Dnepr und ist seit 1991 Hauptstadt der Ukraine. Nach der ältesten russischen Chronik, der Nestorchronik, wurde Kiew erstmals 862 erwähnt. Es war Hauptsiedlungsort der Kiewer Rus‘, bis es 1362 an das Großfürstentum Litauen fiel, das 1569 Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik wurde. 1667 kam Kiew nach dem Aufstand unter Kosakenführer Bogdan Chmel'nyc'kyj und dem darauf folgenden polnisch-russischen Krieg zu Russland. 1917 wurde Kiew Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik, 1918 der Ukrainischen Nationalrepublik und 1934 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Bezeichnet wurde Kiew auch als „Mutter aller russischen Städte“, „Jerusalem des Ostens“, „Hauptstadt der goldenen Kuppeln“ und „Herz der Ukraine“.
Im russisch-ukrainischen Krieg ist Kiew stark umkämpft.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

 vorzudringen, wurde das Kriegsmuseum nicht nur zu einem Symbol, sondern auch zu einem wichtigen Zentrum des ukrainischen Widerstands und mobilisierte sowohl Ukrainer:innen als auch die internationale Gemeinschaft zum Kampf.
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Das Kiewer Kriegsmuseum ist für Ukrainer:innen ein besonderer Ort. Das Museum und die umgebende Gedenkstätte wurden am 9. Mai 1981 als Raum zur Feier des sowjetischen Sieges im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945 eröffnet. Die monumentale Architektur und das Pathos dieses Ortes sollten die Kraft, den Mut und die Opferbereitschaft derer würdigen, die ihre Gesundheit und ihr Leben für diesen Sieg geopfert hatten. Das Museumsgebäude befindet sich in einem gewaltigen, zehn Hektar großen „Gedenkkomplex“, direkt unter der 62 Meter hohen Statue der Mutter-Heimat-Statue. Die gen Moskau blickende Skulptur steht da triumphierend mit erhobenem Schild und Schwert. Der Zugang zum Museum erfolgt über eine Allee, die von militärischem Gerät und einer Galerie mit bronzenen Flachreliefs gesäumt ist, die die Tapferkeit der Soldaten und den Einsatz an der so genannten „Heimatfront“ darstellen. Vor dem Museumseingang befindet sich ein Platz für etwa 30.000 Menschen. Er ist versehen mit massiven Skulpturen, die die Überquerung des Dnjepr darstellen, und einer kolossalen Schale mit dem „ewigen Feuer“ auf einem Hügel über dem Platz.
Seit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 hat die Übersättigung mit sozialistisch-realistischer Architektur und kommunistischen Symbolen nicht dazu beigetragen, mit der sowjetischen Art der Erinnerung und Darstellung des Kriegserbes zu brechen. Im Jahr 1996 erhielt das Museum den Status eines nationalen Museums. Es engagierte sich zunehmend für eine ukrainisch geprägte Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg und für das Gedenken an alle Teilnehmer:innen des ukrainischen Unabhängigkeitskampfes, einschließlich jener Aufständischen, die der antisowjetischen Armee angehörten. Bis 2015 blieben jedoch sowohl der Name des Museums als auch die Prämissen der Hauptausstellung unverändert. Erst die „Entkommunisierungsgesetze“, die die Förderung der kommunistischen Symbolik untersagten und gleichzeitig neue, europäische Modelle des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg einführten, zwangen das Museum zu tiefgreifenden Veränderungen in Narrativ und Ästhetik.
„Der ukrainische Osten“
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Gleichzeitig ist das Museum nach 2014 nicht nur ein Ort der Auseinandersetzung mit der umstrittenen Geschichte des ukrainischen Unabhängigkeitskampfes im 20. Jahrhundert, sondern auch ein Ort des Gedenkens an die jüngsten ukrainischen Held:innen. In Kriegszeiten ist das Kriegsmuseum als eines der meistbesuchten ukrainischen Museen zu einem wichtigen Instrument geworden, um über die anhaltenden Kriegshandlungen im Osten des Landes zu informieren und weitere Unterstützung für die Kriegsanstrengungen zu mobilisieren.
Den Auftakt des Projekts „Der ukrainische Osten“ bildete eine Ausstellung von Kriegstrophäen, die im Juli 2014 vor dem Eingang des Museumsgebäudes organisiert wurde. Schwere Militärausrüstung, darunter ein T-67BV-Panzer und ein BM-21-Grad-Raketenwerfer, sollten das Ausmaß der Kriegshandlungen veranschaulichen und die Beteiligung der Russischen Föderation an den militärischen Operationen im Osten des Landes belegen. Die Kriegstrophäen sollten auch von der Bereitschaft und Fähigkeit der ukrainischen Armee zeugen, ihren Staat wirksam zu verteidigen. Die Ausstellung stieß auf großes Interesse, sodass die Mitarbeiter:innen des Museums mit der Sammlung von Gegenständen, Dokumenten und mündlich überlieferten Geschichten über den laufenden Krieg begannen.
Seit 2015 hat die Ausstellung „Der ukrainische Osten“ nach und nach immer mehr Raum im Erdgeschoss des Museumsgebäudes eingenommen. Von Anfang an war es eine Ausstellung, die der russischen Aggression und dem russisch-ukrainischen Krieg gewidmet war. Die Kuratoren dieses Projekts nahmen die Aufgabe sehr ernst, sowohl Ukrainer:innen als auch ausländischen Besucher:innen bewusst zu machen, für wen und für was die Ukraine kämpft.
Darüber hinaus organisierten die Mitarbeiter:innen des Museums temporäre thematische Ausstellungen, die unter anderem der Kindheit im Krieg, den Kriegsgefangenen und den Militärseelsorger:innen gewidmet waren. Seit 2015 finden im Kriegsmuseum auch regelmäßig Treffen mit Kriegsteilnehmer:innen, Dokumentarfilmvorführungen, Buchvorstellungen zum aktuellen Konflikt, Vorträge von Historiker:innen und Journalist:innen sowie gelegentliche Treffen für Familien statt, die Angehörige im Krieg verloren haben. Dadurch ist die Ausstellung „Der ukrainische Osten“ zu einem „Raum der Erinnerung und der Emotionen“ geworden – einem Ort der Begegnung und der Erinnerung an diejenigen, die ihr Leben für die Verteidigung der ukrainischen Souveränität gegeben haben.
Das Museum an der Front
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Als am Morgen des 24. Februar 2022 russische Raketen auf ukrainische Städte niedergingen, beteiligte sich auch das Museumsteam an der Verteidigung von Stadt und Land. Während der Kämpfe um die Hauptstadt im Februar und März schlossen sich einige Museumsmitarbeiter:innen den Streitkräften oder territorialen Verteidigungseinheiten an. Andere flochten Tarnnetze, organisierten Medikamenten- und Ausrüstungssammlungen und bereiteten Mahlzeiten und Getränke für die Kämpfer:innen vor. Das Museum stellte auch einige Exponate, nämlich Panzerabwehrigel aus dem Jahr 1941, zur Verfügung, die nach 81 Jahren wieder ihre Aufgabe auf den Straßen von Kiew erfüllten.
Gleichzeitig stand die Museumsarbeit zu keinem Zeitpunkt still. Wie der derzeitige Direktor des Museums, Jurij Sawtschuk, Anfang 2015 sagte, brauchte die Ukraine eine starke „Museumsfront“, an der sie unter den schwierigen Bedingungen des Konflikts mit Russland für den Erhalt ihres kulturellen Erbes kämpft und das Gefühl der nationalen Einheit unter den Einwohner:innen der Ukraine stärkt. Darüber hinaus ist es unter den neuen Kriegsbedingungen die wichtigste Aufgabe des Museums geworden, die Geschichte und die Artefakte der brutalen russischen Aggression zu sammeln, aufzubewahren und der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Deshalb begaben sich am 8. März, während der Militäroperationen auf den Straßen von Kiew, Museumsmitarbeiter:innen auf eine Expedition zur Dokumentation der Ereignisse. Trotz der unmittelbaren Bedrohung hielten sie fest, wie sich die Einwohner:innen der Stadt auf die Verteidigungssituation vorbereiteten und wie groß die Schäden durch die Raketenangriffe ausfielen. Auch mit der Sammlung neuer Exponate wurde begonnen. Anfang April 2022, als die russischen Truppen die Umgebung von Kiew verließen, begannen die Mitarbeiter:innen des Museums mit Exkursionen zu zerstörten Städten und Dörfern, darunter 
Ìrpinʹ
ukr. Ірпінь, rus. Ирпень, rus. Irpenʹ

Irpin (Bevölkerungszahl 2021: 65.167) liegt am gleichnamigen Fluss in der ukrainischen Oblast Kyjiw, in der Rajon Buča. Der erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene Ort erhielt 1956 Stadtrechte. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 galt Irpin als ein aufstrebender Vorort von Kyjiw. Im Februar-März 2022 waren Irpin und die Nachbarorte Hostomel sowie Buča von heftigen Kämpfen und russischen Massakern an der Zivilbevölkerung mit über 400 Getöteten betroffen.

Buča
rus. Buča, rus. Буча, ukr. Буча

Die Stadt Buča (Bevölkerungszahl 2021: 37.321) liegt in der ukrainischen Oblast Kyjiw, an den Flüssen Buča und Rokač. Die heutige Stadt entstand als eine Eisenbahnsiedlung, die sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Kurort entwickelt hat. Bereits vor der Verleihung der Stadtrechte 2007 etablierte sich Buča als ein beliebter Vorort von Kyjiw.
In der Anfangsphase des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar-März 2022 waren Buča und die Nachbarorte Irpin sowie Hostomel von heftigen Kämpfen und russischen Massakern an der Zivilbevölkerung mit über 400 Getöteten betroffen.

Gostomelʹ
ukr. Hostomel, rus. Гостомель, rus. Gostomelʹ, ukr. Гостомель, rus. Gostomel

Die Siedlung städtischen Typs Hostomel (Bevölkerungszahl 2021: 18.466) liegt in der ukrainischen Oblast Kyjiw, in der Rajon Buča. 1619-1938 besass Hostomel Stadtrechte. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 galt der Ort als ein aufstrebender Vorort von Kyjiw. Im Februar-März 2022 waren Hostomel und die Nachbarorte Irpin sowie Buča von heftigen Kämpfen und russischen Massakern an der Zivilbevölkerung mit über 400 Getöteten betroffen.

 und 
Borodânka
pol. Borodzianka, ukr. Бородянка, rus. Borodânka, rus. Бородянка

Borodjanka (Bevölkerung 2021: 12.832) liegt in der ukrainischen Oblast Kyjiw. Die seit dem 11. Jahrhundert bekannte Ortschaft erhielt erst 1954 den Status einer Siedlung städtischen Typs. Die mehrstöckige Bebauung des Orts wurde 2022 in der frühen Phase des russischen Überfalls auf die Ukraine in nächtlichen Bombardements weitgehend zerstört.

. „Das Museumsteam unter der Leitung von Direktor Jurij Sawtschuk gehörte zu den ersten, die das zerstörte Land der einst blühenden Dörfer betreten haben“, heißt es in einem emotionalen Beitrag auf der Website des Museums. Neben Objekten und Fotos wurden auch die Geschichten von Zeitzeugen:innen und Teilnehmer:innen der Ereignisse gesammelt. „Der russische Krieg gegen die Ukraine ist in erster Linie eine Geschichte von menschlichen Schicksalen. Es ist die Aufgabe der Museolog:innen, diese zu dokumentieren, damit künftige Generationen authentische Informationen aus erster Hand erhalten“, ist auf der Website des Museums zu lesen.
Erleben Sie den Krieg selbst
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Die gesammelten Fotos, Artefakte und Geschichten ermöglichten es, in kürzester Zeit eine einzigartige Ausstellung vor Ort zu kreieren: „Ukraine – Kreuzigung“. Ziel war es, sowohl die laufende Geschichte des Krieges als auch die materiellen Beweise für die russischen Verbrechen zu präsentieren.
Zu den Exponaten gehören Waffen, Ausrüstung und persönliche Gegenstände russischer Soldaten, die an der Front gefallen sind. Dazu gehören beispielsweise Streubomben, mit denen die russische Armee Siedlungen zerstörte und der Zivilbevölkerung schwere Verluste zufügten, Pässe, die zeigen, wie jung einige von ihnen waren, und das Tagebuch eines russischen Offiziers, der verhörte Ukrainer:innen als „Nazis“ bezeichnet. Beeindruckend sind die künstlerischen Installationen von über einhundert Paar Schuhen getöteter russischer Soldaten, die in einem roten Stern angeordnet sind, oder von Soldatenhelmen, die die Form des Buchstabens „Z“ haben.
Andere Objekte zeigen das Ausmaß der Kriegsschäden, die nicht nur Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und Bahnhöfe betreffen, sondern auch das kulturelle und religiöse Erbe der Ukraine, wie die verkohlte Kuppel einer orthodoxen Kirche oder eine von Schrapnellen durchbohrte Ikone. Das durch die Explosion herausgerissene Tor der Kirche führt zu einem Raum mit Kunstwerken, die vom Konflikt inspiriert wurden. Mit dem Museum verbundene Künstler:innen haben mit Objekten aus der von Russland im Februar und März 2022 besetzten Zone so komplexe Themen wie die verlorene Kindheit von einer Million junger Ukrainer:innen dargestellt. Dies wird symbolisiert durch eine Granate, die unter einem Spielzeug in einem Sandkasten versteckt ist, oder ein zerstörtes Denkmal aus dem Zweiten Weltkrieg, das eine starke Parallele zwischen diesen beiden Konflikten aufzeigt.
Die sorgfältig kuratierte Ausstellung gab den Besucher:innen das Gefühl, den Krieg mit eigenen Augen erlebt zu haben. Wie Jurij Sawtschuk bei der Ausstellungseröffnung sagte, wollten die Macher der Ausstellung, dass jeder mitbekommt, was passiert und welche Schrecken die ukrainische Zivilbevölkerung durcherlebt. Dieser Effekt wurde am besten durch die detaillierte Rekonstruktion eines behelfsmäßigen Unterschlupfs in der Stadt Hostomel in der Nähe von Kiew erreicht, die in den ersten Kriegstagen von den Russen eingenommen wurde. Über 100 Menschen, darunter auch Kinder und ein Säugling, versteckten sich 37 Tage lang in dem Bunker. Zwei Menschen starben unter den unhygienischen Bedingungen.
In drei Räumen sind Gegenstände aus dem Unterschlupf zu sehen – Matratzen, Decken, Gläser mit Lebensmitteln und Geschirr. Die Räume sind feucht und kalt, aber am auffälligsten ist der Geruch von muffigen Decken und Zwiebeln, der den Eindruck erweckt, die Menschen hätten ihr Versteck gerade erst verlassen. Die Museumsmitarbeiter:innen wissen, dass eine solch realistische Darstellung für die Besucher:innen schockierend sein kann, besonders für jene, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wenn jedoch ein verheerender Krieg im Gange ist, scheinen derart radikale Lösungen gerechtfertigt, und die Museumsmitarbeiter:innen müssen die Folgen des Krieges, die für Millionen von Menschen real sind, unzensiert zeigen.
Die Ausstellung ist seit dem 8. Mai 2022 vor Ort zu besichtigen. An diesem Tag nahm das Kriegsmuseum seinen „normalen“ Betrieb wieder auf. Auf der Website wurde jedoch eine neue Information gemeldet: „Im Falle einer Luftschutzsirene wird der Eintritt neuer Besucher:innen in die Ausstellung gestoppt“, und „Besucher:innen des Memorials können sich in den Schutzraum begeben, in dem es Sitzgelegenheiten und Wasser gibt“. Tatsächlich wurde der erste Tag der Ausstellung durch sieben Luftschutzsignale unterbrochen.
In Kriegszeiten wird die Ausstellung hauptsächlich von Kiewer:innen, in- und ausländischen Journalist:innen und ausländischen Delegationen besucht. Sie wurde von vielen Diplomat:innen und Politiker:innen aufgesucht, die sich in Kiew aufhielten, darunter der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson.
Sehen und handeln
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Um ein breiteres Publikum zu erreichen, organisiert das Museum dank der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern Ausstellungsprojekte in zahlreichen Ländern, darunter Polen, Frankreich, Deutschland, Südkorea und in der Türkei. Es beinhaltet auch eine beeindruckende Online-Komponente. Diese Initiativen zielen darauf ab, die internationale Gemeinschaft über den anhaltenden Krieg in der Ukraine, die Lage der Zivilbevölkerung in den bombardierten Städten und die russischen Kriegsverbrechen zu informieren. Darüber hinaus haben die neuen Museumsprojekte eine klare mobilisierende Dimension und rufen zu entschlossenem und entschiedenem Handeln und zur Unterstützung der Ukraine auf.
Auf der Website des Museums (auch in englischer Sprache) war beispielsweise während der ersten zweihundert Tage des Krieges das Projekt „Chroniken des Krieges“ aktiv. Jeden Tag gab es Informationen über die Lage an der Front, die Zerstörungen und die internationale Unterstützung sowie die Verluste der russischen Truppen.
Eine weitere Initiative ist das „Look! Mariupol“-Projekt, das als stationäre Fotoausstellung in vielen europäischen und außereuropäischen Städten und als „Online-Ausstellung“ auf der Website des Museums präsentiert wird. Die Ausstellung besteht aus 42 Fotos des lokalen Journalisten Wjatscheslaw Tverdohlib, der das Leben der Einwohner:innen der Stadt während der dramatischen Wochen der Belagerung und des Beschusses von Mariupol durch die russischen Streitkräfte dokumentiert hat. Nachdem er sich 23 Tage lang im Keller versteckt hatte, gelang es dem Journalisten, die Stadt zu verlassen und trotz des Risikos das Foto- und Filmmaterial aus dem Krisengebiet herauszubringen.
Die Fotos aus Mariupol verdeutlichen das Ausmaß der humanitären Katastrophe in einer Stadt ohne regelmäßige Versorgung mit Wasser, Strom und Wärme. Angesichts des Ausmaßes der Schäden – Schätzungen zufolge sind bis zu 80 Prozent der Gebäude der Stadt betroffen – erscheinen die in der Beschreibung gezogenen Vergleiche mit Warschau 1944 und Aleppo 2016 gerechtfertigt. Nicht zuletzt enthält die Ausstellung einen Antrag des Stadtrats von Mariupol auf Anerkennung des russischen Vorgehens als Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung und auf humanitäre Hilfe für die gefangene Stadt.
Auf der Website des Museums (auch in englischer Sprache) war beispielsweise während der ersten zweihundert Tage des Krieges das Projekt „Chroniken des Krieges“ aktiv, in dem die folgenden Tage heruntergezählt wurden. Jeden Tag gab es Informationen über die Lage an der Front, die Zerstörungen und die internationale Unterstützung sowie die Verluste der russischen Truppen.
Nie wieder?
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Nach dem neuen europäischen Modell des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg, das 2015 in der Ukraine eingeführt wurde, wird die rote Mohnblume von dem Slogan „Nie wieder“ (ukrainisch: Nikoly znovu) begleitet. Der Spruch, der ursprünglich mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust verbunden war, wurde schließlich zu einem allgemeinen Aufruf zur Verhinderung von Massengrausamkeiten durch moralische Erziehung und kritische Reflexion über das Böse.
In der heutigen Ukraine ist es jedoch schwierig, diesem Modell uneingeschränkt zu folgen. Seit 2014 ist der Krieg in der Ukraine eine Tatsache, die Menschenleben kostet und eine traumatische Unterbrechung im Leben der gesamten ukrainischen Gesellschaft darstellt. Vor allem seit Februar 2022 wurden durch die russische Invasion die Schrecken des Krieges und des Völkermordes für Millionen von Ukrainer:innen zwar zur Realität, nicht aber zu einer Geschichte, aus der sicher Lehren gezogen werden können. Um in Frieden um ihre Opfer trauern zu können, müssen die Ukrainer:innen zunächst den Feind besiegen, die besetzten Gebiete befreien und die vollständige Integrität und Sicherheit ihres Landes gewährleisten.
In Kriegszeiten bekam „Nie wieder“ einen neuen, mobilisierenden Charakter und wurde zum Aufruf, die russischen Kriegsverbrechen zu verurteilen und zu bestrafen. Die Erinnerung an den Krieg und den Holocaust ist zu einer neuen symbolischen Munition geworden, welche die Mitarbeiter:innen des Kriegsmuseums gezielt einsetzen. In dem Online-Projekt „Parallels“ stellten sie Fotos aus der Sammlung des Museums nebeneinander, eines aus dem Zweiten Weltkrieg, das andere aus dem aktuellen Krieg.1 
Die erschreckende „Mimikri des Krieges“ und das „schreckliche Déjà-vu“ kommen unter anderem in der Zusammenstellung „Verbrechen“ zum Ausdruck, die zwei Fotos von zurückgelassenen, schmutzigen Kinderschuhen enthält. Die Bildunterschrift unter dem einen Foto lautet: „Persönliche Gegenstände von Juden, die von den Nazis in Babyn Yar, Kiew, 1941 ermordet wurden“, und unter dem anderen: „Schuh eines einjährigen Mädchens, das bei einem russischen Raketenangriff getötet wurde, Malyn, Gebiet Schytomyr, 2022“. In ähnlicher Weise sehen wir in der Reihe „Opfer“ zwei Fotos von am Straßenrand zurückgelassenen Leichen mit sprechenden Untertiteln: „In den Straßen des von den Nazis besetzten Kiew, 1941“ und „In den Straßen von Bucha, 2022“.
Das Projekt liegt in zwei Sprachen vor – Ukrainisch und Englisch. Es soll die Ukrainer:innen und die internationale Öffentlichkeit mobilisieren, zu handeln und das „unvorstellbare Böse“ zu stoppen, das nun in Form von Putins Russland aufgetreten ist. Der Verweis auf den Holocaust soll helfen, eine klare Linie zwischen Gut und Böse, zwischen Invasoren und ihren unschuldigen Opfern zu ziehen. Außerdem appelliert er an das Gewissen und ruft zum Handeln auf, die Bestrafung der Verbrecher:innen und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit zu beschleunigen.
Auf dem Weg zu neuen Bedeutungen
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Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die Hauptaufgabe des Kriegsmuseums unter den Bedingungen des andauernden Krieges nicht in einer kritischen historischen Debatte, sondern in der Schaffung einer integrierenden Erzählung besteht. In dieser neuen Erzählung soll die Geschichte nicht zur Quelle von Streitigkeiten und Kämpfen, sondern von gemeinsamen Mythen, Symbolen und Held:innen werden. Durch die Rekonstruktion von Ausstellungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs versuchen die Museumsmitarbeiter:innen, einen „gemeinsamen Rahmen“ für den Kampf um die ukrainische Unabhängigkeit zu schaffen. Dieser Rahmen zielt darauf ab, den Kampf der Soldat:innen der Roten Armee gegen den Faschismus mit dem Kampf der antikommunistischen, nationalistischen Aufstandsarmee zu vereinen, indem nicht die Unterschiede, sondern die Werte betont werden, die allen Held:innen zugeschrieben werden – Mut, Ehre, Liebe und Hingabe für ihr Heimatland.
Darüber hinaus soll die Heroisierung des nationalen Unabhängigkeitskampfes, die mehrere Generationen von Held:innen vereint, die in verschiedenen, oft gegensätzlichen Formationen kämpfen, die „nationale Zustimmung“ stärken.
 
Ein aussagekräftiges Beispiel für die Neuordnung von Bedeutungen und Symbolen, die mit der alten kommunistischen Welt verbunden sind, ist die Mutter-Heimat-Statue, die mehr und mehr in den ukrainischen Symbolraum integriert wird. Seit der ukrainischen Unabhängigkeit ist das Denkmal eine Quelle hitziger Kontroversen. Dies gilt insbesondere deshalb, weil der Schild der Figur trotz der Entkommunisierungspolitik immer noch kommunistische Symbole trägt. Im Laufe der Jahre wurde die „Ukrainisierung“ der Statue auf unterschiedliche Weise vorgenommen. So wurde ihr beispielsweise ein Blumenkranz auf den Kopf gesetzt, der auf ukrainische Traditionen verweist, und sie wurde mit den Farben der Nationalflagge beleuchtet.
Doch erst im Februar 2022, als russische Truppen in die ukrainische Hauptstadt einzudringen versuchten, wurde die Mutter-Heimat-Statue zu einem echten Symbol des Widerstands gegen die russische Aggression. Das Denkmal wurde zum Gegenstand patriotischer Plakate, Grafiken und Memes, die zum bewaffneten Widerstand gegen die Invasor:innen aufriefen. Geografisch gesehen ist die Skulptur auf Moskau ausgerichtet, aber die Intentionen dieser Position sind heute gänzlich anders als zu Sowjetzeiten. Heute sind Schwert und Schild in der Hand der Statue eine Waffe gegen Russland, das versucht, das Sowjetimperium wiederzubeleben.